14/10/2026
Zwei Minuten Obacht…
Armselig, das kleine Bündel zu Füßen des Mädchens, die gesamte Habe darin eingepackt, und doch: Umso inniger ist das Gebet. Wir sind in einer Zeit, da Hilfe für die Ärmsten gern dem lieben Gott überlassen wurde und von der öffentlichen Hand bestenfalls milde Gaben kamen. Gerade die Roma und Sinti waren es, die man verjagte und ghettoisierte. Schmutzig seien sie, stehlen würden sie. Einzig in Ungarn, um Szolnok in der Großen Tiefebene, dort, wo Theiß und Zagyva zusammenfließen, wo Arbeitskräfte gebraucht wurden für die Holzflößerei, waren sie geduldet, und auch überall dort, wo es schon ein längeres Nebeneinander gab, das Vorurteile abbauen half. August von Pettenkofens Anteil an der Integration bestand darin, dass er die Roma malte. Auf Märkten, auf Feldern, einzeln, mit ihren Pferden, auf ihren Wagen, bei der Arbeit wie bei der Rast.
Man könnte unser Bild durchaus deuten und sich fragen, warum sich der Herrgott den beiden Kindern nur bis zum Knie zeigt. Steht ihnen nicht mehr zu? Trotz all der Inbrunst und Innigkeit? Wir wollen aber darauf hoffen, dass künstlerische Gründe ausschlaggebend waren. Hätte Pettenkofen das gesamte Kruzifix malen müssen – so die Theorie –, wären ihm die Kinder zu klein geraten, und der von Empathie getragene Zauber hätte gar keine Chance gehabt. So war er imstande, seiner Ehrfurcht vor allem Lebenden ungehindert Ausdruck zu geben, in einer malerischen Qualität, dass ihm keiner seiner Mitbewerber das Wasser reichen konnte. Hier gilt absolut: ein kleines Bild – ein großes Meisterwerk.
AUGUST VON PETTENKOFEN 1822 - 1889
Betende Roma-Kinder, Mitte der 1850er-Jahre
Öl auf Holz, 20 x 13 cm
Links unten monogrammiert: “A.P.”
Kunsthandel Giese & Schweiger