17/08/2026
Bürgerverein Bad Salzgitter e.V. erinnert an Opfer der Hexenprozesse
Mit einem neu errichteten Gedenkstein am historischen Hinrichtungsort auf dem Gallberg erinnert der Bürgerverein Bad Salzgitter an das dunkle Kapitel der Hexenverfolgung in der Region.
Bis heute fehlt eine allgemeingültige Erklärung für die Hexenprozesse, die nach den Judenverfolgungen die größte nicht kriegsbedingte Massentötung von Menschen durch Menschen in Deutschland darstellen. Getragen wurde dieses Phänomen von einem tiefsitzenden Aberglauben, konfessionellen Glaubenskämpfen und der systematischen Abwertung der Frau. Hexerei galt als Verrat an Gott, weshalb Frauen unter dem Vorwurf angeklagt wurden, mit dem Teufel verkehrt zu haben.
Vor dem genannten Hintergrund spielten vielfältige persönliche Gründe eine Rolle. So verdächtigten Männer ihre Frauen, um sie loszuwerden; andere taten dies aus verschmähter Liebe. Jedes alltägliche Missgeschick, jede Krankheit von Menschen und Tier, jedes eingegangene Huhn, jedes böse Wetter konnte zu Verhaftungen missliebiger Personen führen. Sehr häufig war auch Habgier im Spiel.
Oft wurden Kinder zu falschen Beschuldigungen verleitet. Abgesehen vom Adel, konnte jeder in einen Prozess verwickelt werden. Ohne irgendwelche Schuldgefühle gingen die Beklagten in das Verhör. Die Folter brachte sie zum Geständnis, das oft widerrufen wurde. Angezeigt wurden die Frauen von den Behörden und von den Pfarrern.
Im Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel, zu dem damals das gesamte heutige Stadtgebiet von Salzgitter gehörte, wurden allein zwischen 1590 und 1620 nicht weniger als 114 Personen wegen Zauberei angeklagt, darunter 97 Frauen. Von ihnen starben 50 auf dem Scheiterhaufen, drei wurden enthauptet und vier des Landes verwiesen. Während 39 Angeklagte freikamen und sieben Verfahren eingestellt wurden, bleibt das Schicksal der übrigen elf Betroffenen ungeklärt.
Am 9. Juli 1565 wurden im Raum Salzgitter laut historischen Dokumenten siebzehn Frauen als Hexen verbrannt – zehn auf der Hinrichtungsstätte am Gallberg bei Altsalzgitter und sieben bei Lichtenberg.
Der Gailberg, Galgenberg oder auch Galberg liegt nördlich, oberhalb der damaligen Landstraße von Haverlah nach Kniestedt. Die Hexenverbrennungen am Galberg bei Salzgitter gehören in die Zeit der frühen Neuzeit, also ins 16. Jahrhundert – eine Phase, in der Hexenprozesse in vielen Teilen Europas stattfanden. Im Jahr 1565 ließ Herzog Heinrich der Jüngere von Braunschweig mehrere vermeintliche „Hexen“ hinrichten. Diese Ereignisse fallen in eine Zeit intensiver Verfolgungen im Braunschweiger Land, wobei das Herzogtum Wolfenbüttel für seine Strenge und die Grausamkeit der Folter berüchtigt war.
Über das tragische Ereignis in Salzgitter am 9. Juli 1565 dessen lodernde Feuer von den Orten des alten Salzgaus gesehen werden konnte, berichtet Pfarrer Georg Tappe wie folgt:
"Im selbigen Jahr hat sich allhier im Amt Liebenburg ein seltsam Betrübnis ereignet. Der leidige Satan Feuer macht, warum wir stets ohn Unterlaß beten müssen. Denn, wenn ich ohnethin noch so fleißig gewartet auf meine Empfohlenschaftlein, so hat der leidige höllische Drake und viant (Drache und Feind) doch mir abgespannet meiner Pfarrkinder etliche, die mit Zauberei bezichtiget. Vor Gott und seinen heiligen Engeln kann, soll und will ich davon bezeugen, daß ich hiervon garnicht weiß, auch sie viel anderes gelehret. Dennoch sind von hier gefänglich eingezogen: Hans Hammers Weib Catharin, Heinrich Santfuchs Weib Catharin, Henning Santfuchs Weib Allheit, des Kuhhirten Mutter vom Salz, die Rinderhirtische (Rinderhirtin), Andreas Homanns Tochter Arma (Anna?), ein wacker Mägdelein. Von Gitter: eingezogen die alte Homannsche, ihre Tochter Margarethe Timpen.
Diese sind alle beargwohnt und beklagt, von einem kleinen Kinde, dem sie ihrer etliche Teufelskunst lehren wollten. Sind peinlich verhört (gefoltert), etliche bekennt aber durch den Henker also zermarteret, daß es einen Stein erbarmen möchte. War ganz keine Gnade, und man sagt, man habe etlichen Leuten zuviel getan, wie denn auch etliche der Autoren der Zeit scheinbarlich von Gott gestraft. Das muß ich mit bitterem Schmerze Gott in sein geheimes Gericht befehlen. Sie sind den 9. Juli alle mit noch zwei anderen Weibern verbrannt worden. Ein schrecklich Exempel. Und wie denn Unrat nicht vorgekommen war, wollte der leidige Satan ein Blutbad angerichtet haben, weil er ein Mörder und Lügner ist und so viel unschuldig eingezogen, welche der barmherzige Gott wie Christum vom falschen Gezeugnisse rettete. Der Prior (Vorsteher eines Klosters) mag wohl billig sagen, es sind die Weiber schwache Werkzeuge. Das hat der wohl erfunden.
Nach den verheerenden Zeiten der Pest und des Dreißigjährigen Krieges besaß die Bevölkerung offenbar noch nicht jenes Verhältnis zum Leben, wie wir es heute kennen. Vor diesem Hintergrund ist der folgende historische Bericht über eine Hinrichtung zu betrachten.
… Und wenn aus der roten Flamme die „Zaubersche“ (Hexe) wimmert, oder der „Meister Freimann“ (Henker) einen armen Sünder mit der „Seilerstochter“ (Strick) die „haanfende“ (hängen) Hochzeit bereitete, hielten ehrsame Bürger und Bauersfrauen ihre Kindlein hoch, auf dass ihnen nichts verloren ginge von „Spectaculum“ sie also eine Augenweide hätten und eine Warnung für das Leben.
Um an dieses grausame Ereignis zu erinnern, errichtete der Bürgerverein Bad Salzgitter einen Gedenkstein am einstigen Hinrichtungsort. Die spendenbasierte Aktion geht auf eine Idee von Wolf Tammo Köhne zurück, der auch den Stein zusammen mit seinem Sohn Arne spendete. Finanziell unterstützt wurde das Vorhaben zudem von der Firma Natursteinwerk Wischmann aus Othfresen, wobei der Bürgerverein den größten finanziellen Anteil trägt. Hexenprozesse gehörten in vielen Orten zur lokalen Geschichte. Der Gedenkstein soll an die Opfer erinnern, deren Namen und Schicksale vielfach in Vergessenheit geraten sind.