27/08/2026
Auf den ersten Blick eine Tischdecke, um es vornehm auszudrücken: ein Tafeltuch. Wenn es uns jedoch seine Geschichte erzählen könnte, wären viele überrascht. Denn das Tischtuch war einst bedeutendes Objekt in einer weltberühmten Ausstellung und hat damit ein spektakuläres Bauwerk „gesehen“, das heute leider nicht mehr existiert – den Crystal Palace im Londoner Hyde Park.
Der Kristallpalast wurde 1851 von Joseph Paxton in Windeseile aus Eisen und Glas errichtet. Die Eisenkonstruktion war mit der des Eifelturms vergleichbar, transparentes Glas ermöglichte einen grandiosen Lichteinfall für das gigantische Bauwerk. Die Grundfläche von 70.000 m² nahm sogar Bäume des Parkgeländes auf, sodass es zugleich wie ein riesiges Gewächshaus wirkte. Anlass für die Errichtung war die erste Weltausstellung 1851, die „Great Exhibition“ unter der Schirmherrschaft des Prinzen Albert, Ehemann der damaligen Königin Victoria. Nach Ende der Ausstellung wurde das Gebäude 1854 abgebaut und in den Stadtteil Sydenham versetzt. 1936 wurde es jedoch durch einen Brand vollständig zerstört – ein unwiederbringlicher Verlust.
Doch zurück zum Tafeltuch: Es könnte uns also u. A. ausgiebig von der Weltausstellung berichten, wie beeindruckt damals unzählige Menschen durch die Hallen spazierten und sich faszinieren ließen von der Kunstfertigkeit handwerklicher und industrieller Produkte aus aller Herren Länder. Selbstverständlich war auch Deutschland mit seinen Provinzen vertreten, darunter das Königreich Preußen, das damals zum Verband des Deutschen Zollvereins gehörte. Westfalen wiederum war Teil Preußens, womit das Tafeltuch in diversen Kataloglisten unter der Kategorie „Zollverein“ in Erscheinung tritt.
Geht man auf Spurensuche in den Einträgen, findet sich die abgebildete Tischdecke stets unter dem Namen von Johann Gisbert Wüller, manchmal fälschlicherweise unter „Mueller“. Aber der Zusatz des „District Recklinghausen“ lässt unzweifelhaft erkennen, dass es sich um ein Erzeugnis der traditionsreichen Leinenweberei Wüller handelt. Das Unternehmen war mit insgesamt drei Tafeltüchern und passenden Tischservietten vertreten, in die jeweils andere Wappen von Adelsfamilien eingewebt waren – darunter das hier gezeigte der Familie von Wolff-Metternich.
Die Kunstfertigkeit der Textilprodukte Wüllers galt offenbar schon damals als überragend, sodass die Tafeltücher alle Hürden in der Produkt-Bewerbung für die Weltausstellung passierten. Heute befindet sich das damals für die Weltöffentlichkeit zur Schau gestellte Exponat – neben weiteren – als Dauerleihgabe in der Sammlung der Retro Station. In der Regel bleibt es allerdings im Depot verborgen.
In Kürze jedoch wird das besondere Tafeltuch wieder für die Öffentlichkeit zu sehen sein. Es wird als eins von mehreren historischen Objekten aus Eigenbestand in der Ausstellung „Mission Machen – Neue Perspektiven auf das westfälische Handwerk“ gezeigt, einer LWL-Wanderausstellung (Kooperation vom Medienzentrum Westfalen und dem Freilichtmuseum Hagen), die im Institut für Stadtgeschichte präsentiert wird.
Die Ausstellung wird am 18. September 2026 um 16 Uhr eröffnet und bis zum 27. November präsentiert – nähere Infos dazu gibt es auf der Homepage. [https://www.recklinghausen.de/Inhalte/Startseite/Ruhrfestspiele_Kultur/_details.asp?form=detail&db=513&id=32258] Herzliche Einladung an alle Interessierten!
Tafeltuch mit Wappen der Familie Wolff-Metternich
Johann Gisbert Wüller, Recklinghausen, um 1850
Damast, 232 x 225 cm
Leihgabe Johann Dietrich Wüller, Recklinghausen
Retro Station Recklinghausen, Inv.-Nr. 3759
Foto: Retro Station/Institut für Stadtgeschichte