02/06/2026
Wie ergeht es einem Menschen in sowjetischer Kriegsgefangenschaft? Welche Gedanken macht er sich über seine eigenen Taten und und die Familie zuhause?
Um diese Fragen ging es bei der Analyse der Briefe und Postkarten von Pfarrer Wilhelm Riegel durch unseren Praktikanten Leonard Uckrow.
Der evangelische Geistliche und Hauptmann der Wehrmacht schreibt zwischen 1946-1951 mehrfach an seine Familie im fränkischen Stammbach: Themen sind etwa die seelsorgerlichen Arbeit in der Gefangenschaft, die Sorge um die verwaiste Heimatpfarrei, die Studienwahl der Söhne und die Schwangerschaft der Tochter Anneliese.
Im Juli 1948 heißt es im Telegrammstil in einer Postkarte: „Gestern predigte ich über das Gleichnis vom 'verlorenen Sohn'. (...) Wieviel wiegt Annelies jetzt? Wo will sie praktizieren? (... )Wie sind die Schulstellen in der Gemeinde besetzt? Wer ist zur Zeit mein Verweser? Herzlichen Gruß!“
Um die Zukunft der Menschheit nach dem Krieg geht es im Schreiben vom März 1949: „(…) Und doch blieben Gott und die Menschen die gleichen; ihre Züge treten nur heute wieder deutlicher hervor und erlangen beinahe biblische Klarheit (Offb. 13). (... )Der Sturm der Gegenwart, ist die Windfege Gottes; wohin wird sie uns und unsere Kirche und unser Volk wehen?“.
Obwohl Riegel an Magenkrebs erkrankt war, schreibt er nach Hause nur über seine gute Gesundheit. Ende 1952 stirbt er in Gefangenschaft.
Dieser Bestand zeigt, das die Sammlung des Dokuzentrums auch die Nachwirkungen des Nationalsozialismus abbildet. Das Konvolut aus dem Nachlass von Pfarrer Riegel gibt die Sorgen der damaligen Zeit in eindrücklichen Worten wieder. Es ist das schriftliche Zeugnis eines Mannes, der trotz der Beteiligung an Hitlers Ostfeldzug, um kritische Reflexion mit dem Nationalsozialismus bemüht war.
📣Wir sind auf der Suche nach Riegels Abendmahl-Geschirr aus Holz, das ein Mitgefangener der Familie übergeben konnte und das vom Briefkonvolut getrennt wurde. Über Hinweise freuen wir uns!
Text: Leonard Uckrow, Praktikant