12/08/2026
Finja Sander | Backyard Reunion | 2023
Die großformatige Fotografie zeigt die Künstlerin Finja Sander in einem Londoner Garten in einem Moment des physischen Kontrollverlusts: beim Sich-Übergeben. Unterstützt wird sie dabei von einer Kindheitsfreundin, die ihr die Haare aus dem Gesicht hält. Sander entlehnt diese Szene der Popkultur – konkret der Folge „Twenty-Something Girls vs. Thirty-Something Women“ aus Staffel 2 der US-amerikanischen Serie S*x and the City – und transformiert das klischeehaft konnotierte Motiv in einen künstlerischen Diskurs über das kollektive Gedächtnis. Das Sich-Übergeben fungiert hier als Metapher für Erinnerungen, die den Körper oft ebenso unvermittelt und unkontrollierbar überkommen wie physische Übelkeit. In einer Gesellschaft, in der Gedenken oft nach starren Regeln, glatten Ästhetiken oder bekannten medialen Mustern abläuft, befragt Sander den Wert des echten Gefühls neu. Indem sie eine Szene wählt, die einerseits aus der Popkultur bekannt ist, diese aber mit der radikalen Körperlichkeit des Kontrollverlusts füllt, bricht sie die Distanz zum Betrachtenden auf. Die intime Geste des „Haarehaltens“ und das gemeinsame Aushalten von Schwäche gewinnt so eine tiefere politische Dimension. Erinnerung wird hier nicht als ein starres Archiv verstanden, das man lediglich betrachtet, sondern als ein lebendiger Handlungsspielraum. Diese Geste der Unterstützung in einem Moment der Hilflosigkeit verweist auf das eigentliche Fundament einer demokratischen Kultur: die Fähigkeit zur Empathie und Solidarität. Das Werk macht deutlich, dass kollektives Erinnern dort beginnt, wo wir uns im Anderen wiedererkennen und bereit sind, uns in einem gemeinschaftlichen „Wir“ zu verorten, das auch das Verletzliche und Unperfekte zulässt.
Das Werk ist noch bis zum 4. Oktober in unserer Ausstellung "Was bleibt. Erinnern und Vergessen in der Kunst" zu sehen.
Abbildung: Ausstellungsansicht "Was bleibt." © Städtische Wessenberg-Galerie, Foto: Leo Leister