19/05/2026
Wenn der „Pfingstnickel“ die Fruchtbarkeit ins Dorf bringt
Das Pfingstfest ist in Neuthard seit Jahrhunderten fest verwurzelt. Doch blickt man in die alten Chroniken, zeigt sich ein faszinierendes Bild: Ein Mix aus kirchlicher Tradition, geselligem Beisammensein und uralten, fast vergessenen Naturbeschwörungen prägte die Feiertage unserer Vorfahren.
Ein besonderes Augenmerk fällt dabei auf das Jahr 1732. Bis zu diesem Zeitpunkt war es in Neuthard am Pfingstmontag üblich, dass die Honoratioren des Dorfes im Wirtshaus zusammenkamen. Pfarrer, Lehrer, Kirchenpfleger und Gerichtsleute hielten die sogenannte „Taufzehr“ ab. Das Besondere daran: Die Zeche zahlte „der Heilige“, die Bewirtung erfolgte also auf Kosten der Kirchenkasse. Diesem Treiben setzte Pfarrer Noldt im besagten Jahr jedoch ein Ende und stellte die Zahlungen ein – ein früher Sieg der Sparsamkeit über das kirchliche Schlemmerwesen in unserer Gemeinde.
Der Pfingstnickel: Ein grüner Geist aus dem Neutharder Wald
Während die Taufzehr verschwand, hat sich ein anderer Brauch hartnäckig gehalten: der „Pfingstnickel“. Bis in die Nachkriegszeit wurde am Pfingstmontag ein Knabe oder junger Bursche im Wald mit grünen Zweigen so stark verkleidet, dass er als Sinnbild der erwachenden Natur erscheint. Geschmückt wurde er – fast wie ein Gefangener – durchs „Hostergässle hindurch durch Neuthard hineingeführt.
Historiker sind sich einig: Diese Sitte rührt von unseren heidnischen Vorfahren her. Der Pfingstnickel verkörpert den „Wachstumsgeist“. Er soll nach dem Winter die Fruchtbarkeit und die Kraft der neu erwachten Natur symbolisch in die Häuser der Dorfbewohner tragen.
Doch wie passt die „Taufzehr“ und das Brauchtum zum Kern des Pfingstfestes? Theologisch betrachtet ist Pfingsten eng mit dem Sakrament der Taufe verknüpft. Nach biblischer Überlieferung sandte Christus an Pfingsten den Heiligen Geist.
In pfingstlichen Kreisen wird dies bis heute als „Taufe im Heiligen Geist“ verstanden. Es geht dabei nicht nur um das rituelle Wasser, sondern um das „Erfüllt werden“ mit göttlicher Kraft. So schließt sich der Kreis: Während der Pfingstnickel die äußere Natur in Neuthard zum Blühen bringen sollte, steht die pfingstliche Taufe für die innere Erneuerung des Menschen.
Ob als grüner Naturgeist oder als tiefes religiöses Erlebnis – Pfingsten bleibt in Neuthard ein Fest der lebendigen Erneuerung, das die Grenze zwischen alter Tradition und gelebtem Glauben auf charmante Weise verschwimmen lässt.