28/01/2020
In seiner Beilage zum 185 jährigen Bestehen hat der Schwarzwälder Bote einen Beitrag über das Atomkeller-Museum veröffentlicht. Aus Platzgründen musste er aber gekürzt werden. Hier findet ihr den gesamten Artikel
40 Jahre Atomkeller-Museum Haigerloch
Vergangenheit und Zukunft der Kernenergie
Von Egidius Fechter
Der letzte deutsche Kernreaktor während des Zweiten Weltkrieges stand 1945 in Haigerloch. Das ist mittlerweile in ganz Deutschland bekannt ja sogar weit darüber hinaus.
Dies war allerdings bis lange nach dem 2. WK nicht so. Bis in die sechziger und siebziger Jahre des letzten Jh. wurden viele Teile der deutschen Geschichte totgeschwiegen. Durch verschiedene Veröffentlichungen war zuerst der Fachöffentlichkeit bekannt geworden, dass in Haigerloch ein kleiner Versuchsreaktor Ende des Krieges betrieben wurde. Einige Besucher kamen in den 70er Jahren nach Haigerloch und wollten im ehemaligen Bierkeller des Schwanenwirtes den Ort besichtigen, an dem der Reaktor gestanden hatte. Außer einem Holzverschlag vor dem Keller konnten die Besucher aber weiter nichts finden.
Da sich Anfragen zu den damaligen Versuchen auch im Rathaus häuften, versuchte der damalige Bürgermeister Roland Trojan zu den ehemaligen Kernforschern Kontakt aufzunehmen. Schließlich war es Professor Karl Wirtz vom früheren Kernforschungszentrum Karlsruhe, der sich als kompetenter Berater zur Verfügung stellte. Prof. Wirtz lieferte die historischen Details und Dokumente. Er war maßgeblich an der Gestaltung der ersten Schautafeln für das neue Atomkeller Museum beteiligt. Die Stadt kaufte vom Schwanenwirt den Keller, in dem der Reaktor 1945 betrieben wurde.
Unter Anwesenheit vieler Kernforscher und ehemaligen Mitarbeiter des Uranprojektes von 1945, konnte schließlich im Mai 1980 das Haigerlocher Atomkeller Museum eröffnet werden. Der frühere Leiter des Uranprojektes Professor Werner Heisenberg war 1976 gestorben. Zur Eröffnung sollte Heisenbergs Frau Elisabeth kommen. Diese sagte ihren Besuch jedoch aus Angst vor grünen Krawallen ab. Und damit hatte sie nicht ganz Unrecht. Unter die damaligen Gäste der Eröffnungsfeier hatten sich auch grüne Demonstranten gemischt, die mit ihren handgemachten Transparenten sofort als solche zu identifizieren waren. Gastgeber Bürgermeister Trojan ging jedoch kurzerhand auf die etwas irritierten grünen Protestler zu und lud diese zur Eröffnungsfeier ein. Die Transparente blieben eingerollt und auf dem Foto der Eröffnungsfeier sieht man sie ganz hinten im Keller stehend, den Eröffnungsreden von Professor Carl Friedrich von Weizsäcker und Professor Karl Wirtz lauschend.
Der Atomkeller in Haigerloch wurde relativ schnell zum Besuchermagneten und hatte in den
Anfangsjahren jährlich ca. 20.000 Besucher. Das Besucherspektrum reicht bis heute von Sonderschülern bis zu Nobelpreisträgern. Viele Schülergruppen, Studenten aus verschiedenen Universitäten und Instituten, Institutsausflüge aus ganz Deutschland, aber auch Vereinsausflüge, oder Tagungsgruppen von Schloss Haigerloch wählen heute das Atomkellermuseum immer wieder als spannendes Ziel. Auch die ehemaligen Kernforscher die bei Kriegsende im Keller gearbeitet hatten, trafen sich immer wieder auf Schloss Haigerloch zu ehemaligen Treffen und besuchten das Museum und sprachen über ihre damalige Zeit.
1983 übernahm Egidius Fechter als Physiker die fachliche Betreuung des Museums und bot für Besuchergruppen kompetente Führungen an. Fechter ergänzte das Museum auch mit weiteren Exponaten. So baute er den Experimentiertisch von Otto Hahn, mit dem dieser 1938 die Kernspaltung entdeckt hatte, nach. Dafür durfte Fechter extra zwei Tage im Deutschen Museum in München den dortigen Tisch genauestens vermessen und fotografieren. Von den Mitarbeitern des Deutschen Museums bekam er die notwendigen fachlichen Ratschläge.
Eine besondere Ehre war es für Fechter, als er letzten Sommer direkt ans Hahn-Meitner Institut nach Berlin zu einem Vortrag eingeladen wurde. Im Vorlesungssaal des Institutes durfte er vor Schülern und Studenten über die Geschichte der Kernenergieforschung dozieren. Auch die damaligen Arbeitsräume von Hahn und von Heisenberg im benachbarten Institut in Dahlem konnten besichtigt werden.
Nachdem Fechter 1989 Leiter des städtischen Kultur- und Verkehrsamtes wurde, konnte er sich jetzt hauptamtlich um das Museum kümmern, und es entstanden über die Jahre hinweg zahlreiche Kontakte zu entsprechenden Wissenschaftlern oder anderen Museum. Aufgrund der guten Kontakte zum Deutschen Museum in München konnte Fechter in den folgenden Jahren zahlreiche Sonderausstellungen organisieren.
Einen großen Werbeschub gab es für das Atomkeller- Museum durch einen Fernsehfilm, der Anfang der neunziger Jahre auch in Haigerloch gedreht wurde. „Ende der Unschuld“ ist ein zweiteiliger Fernsehfilm des Regisseurs Frank Beyer, der die Arbeiten des deutschen Uranvereins im Zweiten Weltkrieg beleuchtet. Der Film wurde 1990/91 mit prominenter Besetzung unter Federführung des WDR an zahlreichen Originalschauplätzen gedreht. Wolfgang Menge schrieb das Drehbuch. Die Fernsehpremiere fand am 3. und 7. April 1991 in der ARD statt. Beeindruckend war es, wie im Film der letzte Haigerlocher Reaktorversuch nochmals originalgetreu nachgestellt wurde. Auch die Besetzung Haigerlochs durch die amerikanische Spezialeinheit, die Alsos-Mission durfte nicht fehlen. Allerdings waren es jetzt die Mitarbeiter des Haigerlocher Bauhofes und weitere junge Haigerloch, die verkleidet als amerikanische GIs in originalgetreuen LKWs die Oberstadtstraße herunterfuhren. Zahlreiche Requisiten der damaligen Filmaufnahmen durfte das Atomkellermuseum nach Ende der Dreharbeiten behalten.
Weitere Exponate für das Museum stellten Leihgeber zur Verfügung. Im Jahre 2002 übergab die Baden-Württembergische Landesanstalt für Umweltschutz(LfU) in Karlsruhe dem Museum einen historischen Uranwürfel mit den Original-Maßen. Lange rankten sich Geschichten über diesen Uranwürfel. Wie war er nach Karlsruhe zur Landesanstalt für Umweltschutz gelangt. Nachforschungen ergaben dann, dass dieser Würfel von der Universität Freiburg nach Karlsruhe geschickt wurde um ihn dort zu entsorgen. Nach Freiburg war er wohl von Haigerloch aus gelangt. Professor Fischer einer der Mitarbeiter des Uranvereines der nicht von den Engländern gefangen genommen wurde ging nach Freiburg und hatte wohl den Würfel als kleines Erinnerungsstück mitgenommen
Eine Analyse des Würfels im Institut für Transurane in Karlsruhe zeigte, dass das Uran aus Joachimstal im Erzgebirge stammte. Plutonium konnte aber im Würfel nicht nachgewiesen werden. Auch konnten selbst mit den besten Methoden der Ultraspurenanalytik keinerlei Spaltprodukte nachgewiesen werden. Die Anzahl der Kernreaktionen muss also sehr gering gewesen sein, auf keinen Fall haben sie die sogenannte Kritikalität erreicht, die zur Aufrechterhaltung einer Kettenreaktion notwendig ist, so ein weiteres Ergebnis der Analyse.
Um die Uranwürfel gab es immer wieder Legenden. In Bayern im Fluss Loisach sollen bei Kriegsende welche aufgetaucht sein. Manche vermuteten, Heisenberg hätte diese von Haigerloch bei seiner Flucht nach Urfeld in Bayern mitgenommen. Dies ist unwahrscheinlich, er war mit dem Fahrrad unterwegs und hatte in der Zeit wohl andere Sorgen, als schwere Uranwürfel zu transportieren. Im März 1945 versuchte die SS die letzten Würfel der Diebner - Gruppe aus Stadtilm in Thüringen nach Bayern zu bringen. Da sie aber die aussichtslose Lage erkannten, ließen sie den LKW in Garmisch –Patenkirchen einfach stehen und suchten das Weite. Buben fanden den verlassenen Laster und untersuchten die Ladung. Schnell fanden sie schwarze Würfel die beim Werfen auf der Straße funken schlugen. Dabei fielen wohl einige auch in die Loisach.
Auch aus den Haigerlocher Beständen, die die Alsos Mission mit in die USA nahmen, tauchte kürzlich dort wieder ein Würfel auf und löste in der Fachwelt ein etwas unverständliches Echo aus.
Der Zahn der Zeit nagte in Zusammenhang mit den klimatischen Bedingungen im Atomkeller-Museum vor allem an den Schautafeln, so dass diese immer wieder erneuert werden mussten. Im Jahre 2013 gab es dann die Möglichkeit mithilfe von Mitteln aus dem europäischen LEADER Förderprogramm das Atomkellermuseum völlig neu zu gestalten. Die Schautafeln wurden von Egidius Fechter neu konzipiert, die Anzahl der Tafeln etwa um das Doppelte erhöht. Viele Informationen und Fotomaterial war seit der Eröffnung 1980 freigegeben und konnten jetzt auf neuen Tafeln eingearbeitet werden. Auch verschiedene Medienstationen zeigen heute kleine Videoclips. Zum Beispiel erklärt Otto Hahn in einem kleinen Filmausschnitt seinen Experimentiertisch oder es gibt einen Filmausschnitt aus dem oben erwähnten Fernsehfilm „Ende der Unschuld“.
Die Neugestaltung des Museums fand sehr großen Anklang, die Besucherzahlen haben sich in den letzten Jahren bei ca. 10.000 pro Jahr stabilisiert, was für ein kleines Museum sehr beachtlich ist.
Seit Bestehen des Museums stand immer wieder die Frage im Raum: Wollte Hi**er in Haigerloch noch die Atombombe bauen, wollten es die Wissenschaftler oder haben sie es gar verhindert? Reißerische Buchtitel wie „Hi**ers Bombe“ oder auch entsprechende Zeitungsartikel versuchten Legenden zu bilden.
Erst in den letzten Jahren hat der ehemalige Vorstandsvorsitzende des Forschungszentrums Karlsruhe, Manfred Popp, eine erneute Analyse aller verfügbaren historischen Dokumente unternommen und kommt zu einem anderen Schluss: Demnach haben Walker und andere Historiker die Quellen oft unvollständig analysiert und physikalische Fakten ignoriert. Popp kommt zu dem Ergebnis, dass die deutschen Physiker nicht wussten, wie eine Bombe gebaut werden kann, weil sie nie an einer realistischen Theorie der Atombombe gearbeitet hatten. Für den Bau einer Bombe muss man sich intensiv mit der Neutronenphysik beschäftigen und das haben die deutschen Physiker damals in der notwendigen Tiefe nie gemacht, ja vielleicht auch nie gewollt.
Das Fazit der Analyse von Prof. Popp lautet: Die deutschen Wissenschaftler wussten im »Dritten Reich« nicht, wie eine Atombombe konstruiert werden muss. Sie haben nicht an der Physik der Bombe gearbeitet und keine Schritte unternommen, sie zu bauen. Zwar wäre der Reaktor, den sie erfolglos zu entwickeln versuchten, technisch eine Voraussetzung für eine Plutoniumbombe gewesen, aber ohne Einsicht in die Physik der Bombe war er ein ziviles Ziel abgesehen von der Möglichkeit, ihn möglicherweise zum Antrieb von Kriegsschiffen einzusetzen.
Soweit also zum heutigen Stand der Forschungen über die Arbeiten und Motive der Wissenschaftler bis 1945.
Die Darstellung der Geschichte der Kernenergie in Deutschland wird im Atomkeller-Museum auch nach 1945 weitergeführt und endet bisher mit einer Tafel, auf der die drei größten Atomunfälle aufgelistet sind. Der Unfall in Harrisburg, der Gau in Tschernobyl und die Naturkatastrophe in Fukushima bei dem durch eine riesige Tsunamiwelle die Kühlung des Atomkraftwerkes weggespült wurde und es so zu einer Explosion kam, bilden bisher den Schlusspunkt im Museum.
Allerdings hat sich energiepolitisch seit 2013 einiges geändert. Nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima hat die deutsche Regierung damals den Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen. Die Grünen hatten durch ihr Angstszenario ihr Ziel erreicht und eine sogenannte Energiewende herbei beschworen. Die Japaner übrigens, wie die meisten anderen Ländern auf der Welt nicht!
Von der Klimakatastrophe war damals noch nicht die Rede weil die Medien ab 2015 die Flüchtlingskatastrophe erst mal durch das Land treiben konnte. Als dieses Thema dann ausgelutscht war, ohne dass die große Katastrophe eintrat, musste ein neues Thema gesucht werden.
Obwohl die Auswirkungen des vermehrten CO2 Ausstoßes schon seit Jahrzehnten unter Fachleuten diskutiert wurde, weiß heute niemand mehr so genau wann nach 2015 die Diskussion über verschiedene Klimamodelle zur Klimakatastrophe hochstilisiert wurde. Anscheinend sind die Deutschen besonders anfällig für Weltuntergangsängste und fühlen sich deswegen auch berufen die Welt zu retten. – was schon einmal katastrophal schief ging-.
Obwohl die ganze Propagandamaschine jetzt in Richtung der sogenannten alternativen Energieformen läuft gibt es immer mehr Stimmen auch unter den Klimaaktivisten, die meinen, dass die Kernenergie vielleicht doch noch ihren Teil zur Lösung des Problems beitragen könnte. Selbst Politiker wie zum Beispiel Friedrich Merz lenken die Aufmerksamkeit auf eine neue Generation von Kernkraftwerken, zum Beispiel den Dualfluidreaktor. In einem Kommentar für die Welt schreibt Merz: „der Ausbau der Windenergie stößt bereits heute zu Recht an seine Grenzen vom Massensterben der Vögel und Fledermäuse, der Verspargelung unserer Landschaft und den Milliarden Subventionen die Windkraftunternehmen schon verschlungen haben ganz zu schweigen. Auch Solarenergie hat naturbedingte Grenzen jedenfalls in unseren Breitengraden. Europa bräuchte deshalb ein einheitliches Energiekonzept das auch neue und bisher noch nicht im Großmaßstab erprobte Energieträger mit einbezieht. So lohnt sich etwa ein Blick auf die Erforschung des Dualfluidreaktors DFR, eine Erfindung von deutschen Kernphysikern am Institut für Festkörperphysik in Berlin. Das Institut ist in Sichtweite des Regierungsviertels“. Ist das vielleicht der Beginn einer neuen Entwicklung in der Kernenergie zumal damit auch das große Problem der Entsorgung mit angegangen werden könnte?
Vielleicht könnte man aus Anlass des 40-jährigen Bestehens des Atomkellermuseums eine neue Tafel mit der Grundkonzeption dieses neuen DFR-Reaktors im Atomkeller anbringen und damit die Diskussion über die Zukunft der Kernenergie in Zeiten des Klimawandels an dem Ort mit anstoßen, an dem auch die Vergangenheit aufbereitet ist.
Das Haigerlocher Atomkeller-Museum öffnet nach der Winterpause Anfang März wieder seine Pforten. Wer sich jetzt schon über die Geschichte der Kernenergie während des 2. WKs und der Geschichte des Atomkeller-Museums informieren möcht kann dies anhand des Buches „Humbug in der Höhlenforschungsstelle“ von Egidius Fechter tun.
Das Atomkeller Museum kann wie oben schon erwähnt 2020 sein 40-jähriges Bestehen feiern. Im Mai wird es dazu verschiedene Aktivitäten im Museum geben.