26/08/2026
𝗗𝗮𝘀 𝗲𝗿𝘀𝘁𝗲 𝗧𝗼𝗱𝗲𝘀𝗼𝗽𝗳𝗲𝗿 𝗮𝗻 𝗱𝗲𝗿 𝗕𝗲𝗿𝗹𝗶𝗻𝗲𝗿 𝗠𝗮𝘂𝗲𝗿 𝗸𝗮𝗺 𝗮𝘂𝘀 𝗪𝗲𝘀𝘁𝗽𝗿𝗲𝘂ß𝗲𝗻. 𝗭𝘂𝗺 𝟲𝟱. 𝗧𝗼𝗱𝗲𝘀𝘁𝗮𝗴 𝘃𝗼𝗻 𝗜𝗱𝗮 𝗦𝗶𝗲𝗸𝗺𝗮𝗻𝗻 (𝟭𝟵𝟬𝟮-𝟭𝟵𝟲𝟭) 𝗮𝗺 𝟮𝟮. 𝗔𝘂𝗴𝘂𝘀𝘁 𝟮𝟬𝟮𝟲
Was bewegt eine 58-jährige Frau dazu, aus einem Fenster im dritten Stock eines Wohnhauses zu springen? Ich mache einen Test: Ich gehe in den dritten Stock unseres Stiftungsgebäudes, öffne ein Fenster und blicke – mit der gebotenen Vorsicht – nach unten. Die Fallhöhe, die unter mir gähnt, dürfte sich nicht allzu stark von der unterscheiden, die Ida Siekmann vor Augen hatte, als sie am 22. August 1961 das Fenster in ihrer Wohnung in der Bernauer Straße 48 öffnete. Ich bin, gottlob, nicht geplagt von Höhenangst, aber ein Sprung aus dieser Höhe – nein! Es ist völlig klar, dass das nicht ohne schwere Verletzungen abgehen könnte, wenn nicht mehr … Ida Siekmann ist trotzdem gesprungen.
Eines ist gewiss: das geschah nicht in selbstmörderischer Absicht. Sie hat vor dem Sprung Bettzeug hinabgeworfen, offenbar in der Hoffnung, das würde ihr Auftreffen auf dem Pflaster des Gehweges ausreichend dämpfen. Wenn man davon ausgeht, dass ein Stockwerk eines gewöhnlichen Wohnhauses etwa drei Meter hoch ist, trennten Ida Siekmann rund 12 Meter, vielleicht etwas mehr vom Gehweg. Ihre Vorkehrungen haben nicht ausgereicht: nach dem Aufschlag war Ida Siekmann so schwer verletzt, dass sie noch im Ambulanzwagen auf dem Weg ins Krankenhaus verstorben ist. Warum ist das geschehen?
Wenige Tage zuvor, am 13. August 1961, hatte auf Anordnung des SED-Regierung in Ost-Berlin die vollständige Abriegelung des sowjetisch kontrollierten östlichen Stadtteils gegen die drei Westsektoren der seit 1945 faktisch geteilten Stadt begonnen. Zwar war ein Überschreiten der Sektorengrenze von Ost nach West zuvor schon mit Hindernissen verbunden, war aber grundsätzlich möglich. Für sehr viele Menschen hatte das Hin- und Herwechseln zwischen den Sektoren aus unterschiedlichen, etwa beruflichen Gründen zu ihrem täglichen Leben gehört, schließlich lebte man ja in ein und derselben Stadt. Diese war allerdings von den vier Hauptsiegermächten des Zweiten Weltkriegs USA, Großbritannien, Frankreich und Sowjetunion in vier jeweils von ihnen kontrollierte Sektoren aufgeteilt worden. Jetzt sollte jedes Überschreiten der Sektorengrenze zwischen dem östlichen und den westlichen Stadtteilen unterbunden werden, außer an den streng überwachten Kontrollstellen, wo nur noch Personen mit spezieller Genehmigung durch die DDR-Behörden Durchlass finden sollten. Dies geschah durch den Bau der »Mauer«, also eines gestaffelten Systems von Hindernissen, die zunächst noch unterschiedliche Formen hatte. In der Bernauer Straße, wo Ida Siekmann wohnte, war die Situation eine besondere: Die Häuser auf der einen Straßenseite gehörten zum Ost-Sektor, der davor liegende Gehweg aber gehörte bereits zum französischen Sektor West-Berlins. Für Ida Siekmann und die anderen Hausbewohner bedeutete dies konkret, dass seit dem 18. August 1961 die vorderen Hauseingänge und die Erdgeschoßfenster zugemauert wurden. Die Häuser konnten also nur noch durch die Hinterausgänge in Richtung des Ost-Sektors verlassen werden. Oder man wagte den Sprung mindestens aus dem ersten Stock. Dass die Häuser aber in Kürze gänzlich geräumt und die Bewohner zum Umzug tiefer in den Ost-Sektor gezwungen werden würden, darüber kursierten bereits Gerüchte. Es war also keine Zeit zu verlieren, denn bald würde es auch die risikoreiche Option des »Sprungs nach Westen« nicht mehr geben.
Die kommunistischen Machthaber in der DDR mit Walter Ulbricht (1893-1973) an der Spitze, von der Sowjetunion unmittelbar nach der Eroberung und Besetzung Deutschlands und der Zerschlagung der NS-Diktatur 1945 im von der Roten Armee kontrollierten Teil des Landes an die Macht gebracht und gehalten, hatten sich von Beginn an mit einer Massenflucht aus ihrem Herrschaftsbereich konfrontiert gesehen. Bis zu jenem 13. August 1961 hatten knapp drei Millionen Menschen die Sowjetische Besatzungszone beziehungsweise die 1949 aus dieser hervorgegangene DDR Richtung Westen verlassen und in ihrer großen Mehrzahl Aufnahme in den Westzonen beziehungsweise der Bundesrepublik Deutschland gefunden. Demokratisch regiert und im Zuge des »Wirtschaftswunders« noch kurz zuvor kaum vorstellbar erscheinende Wohlstandszuwächse verzeichnend, hatte diese hohe Anziehungskraft. Unter den Menschen, die aus der SBZ/DDR flohen, befanden sich besonders viele junge und besonders zahlreiche hochqualifizierte Menschen. Das machte die wirtschaftlichen Folgen für die DDR noch gravierender.
Wir wissen nur wenig über Ida Siekmann, sie war ein »ganz normaler Mensch«. Sie gehörte aber nicht zu den größten Gruppen der DDR-Flüchtlinge, denn sie war verhältnismäßig alt und sie gehörte gewiss auch nicht zur Bildungselite. Wir wissen nicht einmal, wann genau und warum sie ihren Geburtsort Gorken, einen kleinen Gutsbezirks unweit des westpreußischen Marienwerder (heute Kwidzyn) verlassen hat. Klar ist, dass sie 1961 schon rund drei Jahrzehnte in Berlin lebte. Sie ist also bereits als junge Frau in die damalige Reichshauptstadt gekommen, eventuell – wie so viele andere Menschen aus ländlichen Regionen – um dort Arbeit zu finden. Damit gehörte sie nicht zu der großen Zahl der infolge des Zweiten Weltkrieges aus den damaligen Ostgebieten Vertriebenen und Flüchtlingen, die fast ein Viertel all derer ausmachten, die später aus der DDR flohen und damit statistisch deutlich überrepräsentiert waren.
Ida Siekmann war alleinstehend, möglicherweise ist ihr also auch zum Verhängnis geworden, dass ihr bei ihrem Fluchtversuch niemand half. Was hat sie bewogen, dennoch den risikoreichen Sprung zu wagen? Im Juli 1961, also unmittelbar vor dem »Mauerbau«, wurden im Rahmen des Notaufnahmeverfahrens in der Bundesrepublik Deutschland 2.810 DDR-Flüchtlinge nach den Gründen für ihre Flucht befragt. Knapp 62 Prozent der Befragten gaben politische Gründe unterschiedlicher Art an, so die Ablehnung der kommunistischen Staatsdoktrin, Gewissensnot aus religiöser Überzeugung angesichts der Bedrückung der christlichen Kirchen, Forderungen, Spitzeldienste für den Staatssicherheitsdient der DDR leisten zu sollen und einiges mehr. Die große Mehrzahl der übrigen aber, nicht ganz 28 Prozent der befragten Flüchtlinge nämlich verwiesen »nur« auf persönliche Gründe. Bei diesen persönlichen Gründen rangierte die »Familienzusammenführung« mit mehr als 12 Prozent an erster Stelle.
Ida Siekmann, die alleinlebende 58-Jährige, wollte vielleicht nur sicher sein, dass sie ihren 59. Geburtstag mit ihrer in West-Berlin lebenden Schwester feiern konnte. Das wäre am 23. August 1961 gewesen – am Tag vor ihrem Geburtstag aber starb Ida Siekmann, weil ein diktatorisches Regime ihr nicht erlauben wollte, ihr Wohnhaus in der Bernauer Straße durch den Vordereingang zu verlassen, möglicherweise nur um ihre ein paar Straßenzüge weiter wohnende Schwester zu treffen. Das war der Charakter der SED-Diktatur: Sie tötete »normale Menschen«, die »normale« Wünsche hatten, sofern mit deren Erfüllung verbunden war, dass diese Menschen sich womöglich ihrer Macht und Kontrolle entzogen. Zwei Tage nach dem Tod Ida Siekmanns, den man zur Not noch als Unglücksfall betrachten könnte, starb der 24-jährige Günter Litfin (1937-1961). Er wurde von DDR-Polizeikräften erschossen, als er versuchte einen Spreearm zu durchschwimmen, um an das West-Berliner Ufer zu gelangen. Der gelernte Schneider Litfin sah sich durch den »Mauerbau« damit konfrontiert, dass ein lange zuvor geplanter Umzug nach West-Berlin, der in erster Linie berufliche Gründe hatte, plötzlich unmöglich gemacht war. Der junge Mann hatte vor dem 13. August 1961 gezögert, diesen Schritt zu vollziehen, da er seine kurz zuvor verwitwete, im Ost-Sektor lebende Mutter weiter unterstützen wollte. Der tödliche Schuss traf ihn in Sichtweite zahlreicher Zeugen auf dem westlichen Ufer in den Hinterkopf, erst Stunden später wurde sein Leichnam von DDR-Kräften aus dem Wasser geborgen. Das war der Charakter der SED-Diktatur: Sie ließ Menschen ermorden, die ihren Wohnsitz vielleicht auch nur um ein paar Kilometer verlegen wollten.
Allein an der »Mauer« in Berlin, deren Sperrsystem seit dem 13. August 1961 ständig »perfektioniert« wurde, starben bis zum »Mauerfall« am 9. November 1989 nach Ida Siekmann und Günter Litfin noch mindestens 138 weitere Menschen. Noch im bereits weit fortgeschrittenen Jahr 1961 kamen seit Ende August 10 weitere Personen ums Leben und im letzten Jahr des Bestehens der »Mauer« 1989 waren es noch drei. Von den 140 ums Leben gekommenen Menschen insgesamt waren 101 eindeutig solche Personen, die Fluchtversuche unternahmen. Die sonstigen Todesopfer kamen durch Unglücksfälle im Zusammenhang mit den Sperranlagen ums Leben; acht Todesopfer waren DDR-Grenzsoldaten, die bei gewaltsamen Auseinandersetzungen mit Flüchtigen starben. Von den 101 Opfern, die eindeutig zu fliehen versuchten, wurden 68 erschossen, also gezielt mit tödlicher Waffengewalt aufgehalten.
Diese Zahlen bleiben, wie alle Zahlen, abstrakt. Alle diese 140 Menschen, die direkt oder indirekt durch die SED-Diktatur ihr Leben verloren haben, hatten Gesichter. Hatten ihre eigene Geschichte mit Hoffnungen, Wünschen, zwischenmenschlichen Beziehungen und allem, was zu einem »normalen« Leben gehört, selbst wenn darüber so wenig bekannt ist wie im Falle von Ida Siekmann. Daher seien alle, denen an der Erinnerung an die DDR liegt – mit welcher Tendenz auch immer -, aufgefordert, sich in Ruhe die Internetseite »Chronik der Mauer«, speziell den Teil über die Todesopfer anzusehen (www.chronik-der-mauer.de/todesopfer). Diese Internetseite beruht auf intensiven wissenschaftlichen Recherchen des renommierten Leibniz-Zentrums für zeithistorische Forschung in Potsdam und wird von diesem zusammen mit der Bundeszentrale für politische Bildung, dem Deutschlandfunk und der Stiftung Berliner Mauer betrieben. Nur von 23 der Maueropfer gibt es dort kein Porträtfoto. 117 menschliche Gesichter also gilt es zu betrachten, etwa das des achtjährigen Cengaver Katranci, Kind türkischer Eltern im West-Berliner Stadtteil Kreuzberg, der am 30. Oktober 1972 beim Spielen in die Spree gestürzt ist. Ein Freund, der mit ihm unterwegs war, alarmiert einen Erwachsenen, der in der Nähe angelt. Als diesem klar wird, dass die Spree an dieser Stelle in ganzer Breite zum Ost-Sektor gehört, wird ihm bewusst, dass er damit rechnen muss, dass die Grenzposten auf der anderen Seite auf ihn schießen würden, wenn er ins Wasser geht. Er hatte schon begonnen, sich auszuziehen, bricht das aber jetzt ab. Ein DDR-Feuerlöschboot fährt an der Unglücksstelle vorbei und reagiert nicht auf Zurufe von westlicher Seite, die um Hilfe bitten. Hinzukommende West-Berliner Polizisten verhandeln mit den Grenzsoldaten auf der anderen Seite und versuchen, die Zustimmung dazu zu erhalten, dass zwei inzwischen eingetroffene Taucher der West-Berliner Feuerwehr ins Wasser gehen dürfen. Vergeblich. Erst rund anderthalb Stunden nachdem Cengaver ins Wasser gestürzt ist, trifft ein Rettungsboot von DDR-Seite ein. Dessen Taucher birgt nach kurzer Zeit den Leichnam des Achtjährigen, legt aber nicht die zwei Meter zum westlichen Ufer zurück. Vielmehr wird der Tote mitgenommen, seine Eltern müssen am Abend nach Ost-Berlin einreisen, um ihr Kind zu identifizieren und mitzunehmen. Nur eine Geschichte von 140. Und »nur« die »Mauer« in Berlin betreffend, da wären noch viele Geschichten von Menschen hinzuzufügen, die an der innerdeutschen Grenze starben oder in der Ostsee ertranken. Jede einzelne ein Teil der Geschichte der SED-Diktatur. Deren Hymne jetzt wieder von manchen gesungen wird, die das für angemessen oder gar für »lustig« halten. »Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland«, das ist die Hymne aller geschichtsbewussten Deutschen.
Winfrid Halder
Foto: W***y Pragher, via Wikimedia Commons