18/07/2026
Ein politisches Lied braucht keine Feinde: Über Danger Dan, Igor Levit und den Rechtsruck. Vorschlag für eine Avantgarde der Empathie.
Vor einigen Jahren hatte ich die Ehre, gemeinsam mit Igor Levit bei einer der legendären »Situationen« von Max Dax aufzutreten. Unser Thema war das politische Lied. Gezeigt wurde mein Film »We Are Anonymous«, eine musikalische Aufarbeitung des Irakkriegs. Anschließend spielte Levit Klaviermusik aus einer Zeit, in der musikalische Avantgarde und sozialistische Utopie noch eng verbunden waren – ein leidenschaftlicher Auftritt, der einen tiefen Eindruck bei mir hinterließ.
Im von Max Dax moderierten Gespräch wurde deutlich, dass Levit und ich zwei grundverschiedene Vorstellungen davon haben, was ein politisches Lied ist und sein kann. Levit erzählte begeistert von seinen Aufführungen alter Arbeiterlieder und der tiefen Bewegtheit seines Publikums. Es ging um Solidarität, Gemeinschaft, ein starkes Wir.
Ich hatte mit »We Are Anonymous« etwas anderes versucht: eine musikalische Form der Trauerarbeit - mit Mitteln der elektronischen Musik. Keine Mobilisierung, keine Identitätsstiftung, kein »Wir gegen sie«, sondern das Erschaffen eines Raums für Verlust, Zweifel und Mitgefühl.
Ich misstraue jedem Wir, das sich erst durch die Abgrenzung von anderen bildet. Ein Wir, das einen Feind braucht, um sich seiner selbst zu vergewissern, trägt den Keim des Autoritären bereits in sich – unabhängig davon, ob es sich national, religiös oder sozialistisch nennt. Das Wir, das mich interessiert, entsteht anders. Nicht durch gemeinsame Gegner, sondern durch gemeinsame Menschlichkeit. Nicht durch Identität, sondern durch Empathie.
Max Dax hat diesen Unterschied damals in seinem Porträt von »We Are Anonymous« in der Frankfurter Rundschau beschrieben: Das Werk »verkneift sich plumpe politische Festlegungen«, »triggert kein Wir-Gefühl an und liefert keine nachgrölbaren Slogans« - getragen von »Trauer und Empathie mit einer aus den Fugen geratenen Welt«. Rückblickend glaube ich, dass er meine Vorstellung vom politischen Lied damit besser beschrieben hat, als ich es damals selbst gekonnt hätte.
»We Are Anonymous« entstand als Reaktion auf den Irakkrieg und den Beginn einer Epoche, in der unter dem Banner des »Kriegs gegen den Terror« Folter, Drohnenkrieg, Massenüberwachung und der permanente Ausnahmezustand politisch normalisiert wurden. Die Kriege verwüsteten nicht nur den Nahen Osten, sondern zwangen auch Millionen Menschen zur Flucht. Sie veränderten auch unsere westlichen Demokratien. Antiislamische und antijüdische Ressentiments wurden in anschlussfähigen Biotopen wieder salonfähig, der NSA-Komplex machte das Ausmaß der Totalüberwachung sichtbar, und militärische Gewalt jenseits des Völkerrechts erschien wieder als legitimes Mittel der Politik westlicher Demokratien.
Der heutige Rechtsextremismus hat tiefere Ursachen als diese Entwicklungen allein. Aber Imperialismus und autoritäres Denken sind Geschwister. Wer Gewalt nach außen legitimiert, verschiebt auch die Grenzen des Sag- und Machbaren im Inneren. Ob in liberalen Demokratien, nationalistischen Regierungen oder totalitären islamischen Republiken – überall dort, wo Feindbilder, Ausnahmezustände und die Entwertung menschlichen Lebens zur politischen Normalität werden, wächst der Boden, auf dem autoritäre Bewegungen gedeihen. Die Entwicklungen in den USA, die Politik der israelischen Regierung und die erneute Eskalation im Nahen Osten führen uns das gerade schmerzhaft vor Augen.
Deshalb beschäftigt mich die Debatte um Danger Dan und Igor Levit. Nicht weil ich ihre politische Ästhetik teile, sondern weil ihre Diagnose stimmt: Es ist fünf nach zwölf. Rechtsextreme und autoritäre Denkweisen dringen immer weiter in die gesellschaftliche Mitte vor. Und demokratische Kräfte reagieren darauf immer öfter mit der Übernahme rechter Narrative, statt ihnen eine eigene Vision entgegenzusetzen.
Den Grundimpuls von »Keine Angst« teile ich ausdrücklich. Angst ist ein schlechter Ratgeber. Demokratie braucht Mut und Engagement. Die Verhinderung der Ausstrahlung des Auftritts von Levit und Danger Dan in der Sendung »Die Anstalt« durch die ZDF-Intendanz ist ein Armutszeugnis – nicht weil Danger Dan in allem recht hätte, sondern weil wir ernsthaft und tief darüber reden müssen, ob und wie wir das autoritäre Gift in unserer Gesellschaft in Medizin verwandeln können.
An einem Punkt trennen sich unsere Wege. Dort, wo das Lied Gewaltfantasien aufruft, endet für mich seine Überzeugungskraft. Nicht, weil Gewalt niemals notwendig ist. Sondern weil demokratische Bewegungen ihre Stärke verlieren, wenn sie beginnen, Sprache und Taktiken ihrer Gegner zu übernehmen.
Der Faschismus beginnt nicht erst dort, wo Menschen marschieren. Er beginnt dort, wo Mitgefühl selektiv wird. Wo wir um die einen trauern und den Tod der anderen rechtfertigen. Wo Menschen zu Kategorien werden.
Darum glaube ich, dass Antifaschismus mehr sein muss als Widerstand. Er muss eine andere Kultur hervorbringen. Räume, in denen Menschen einander begegnen, statt sich als Gegner wahrzunehmen. Räume, in denen Kunst, Gespräch und gemeinsames Handeln wichtiger sind als Lagerdenken. Gesprächsräume, wie Max Dax sie geschaffen hat. Räume wie das Lovelab.
Das politische Lied, so wie ich es verstehe, ist eine Verteidigung der Empathie. Darum kommt es ohne Feinde aus. Es erinnert daran, dass alles, was wir in die Welt tragen, zu uns zurückkehrt.
Als ich »We Are Anonymous« veröffentlichte, übernahm ich einen Satz aus einem Video des Hacker-Kollektivs Anonymous und machte ihn zur Leitidee des Projekts:
»Verständnis bringt Verständnis. Wahrheit bringt Wahrheit. Liebe bringt Liebe.
Was bringen wir?«
🎥 »We Are Anonymous«
"Understanding brings understanding. Truth brings truth. Love bring...