13/08/2026
Ein Regime mauert sich ein
Am 13. August 1961, nachts gegen 1 Uhr, ist es soweit: Mehr als 10.000 Polizisten und Soldaten, verstärkt durch tausende Kampfgruppenangehörige, sperren die Grenzen des sowjetischen Sektors von Berlin gegenüber dem französischen, englischen und amerikanischen Sektor ab. Überall fahren Militärkolonnen. Rund um Berlin sichern hunderte Panzer und 7.000 Soldaten die Maßnahmen in der Stadt ab. Die sowjetische Armee bildet einen dritten Sicherungsring um die Stadt.(1)
Durchgangsstraßen werden plötzlich zu Sackgassen, Züge halten an und fahren zurück, die Fenster von Häusern, die an der Grenze stehen, werden nach und nach zugemauert. Eltern in West-Berlin können nicht zu ihrem Kind in Ost-Berlin. (2)
Eine Millionenstadt wird über Nacht auseinandergerissen.
Und die Waffen des Militärs richten sich gegen die eigenen Landsleute; Spitzel und in Zivil gekleidete Stasi-Mitarbeiter mischen sich unter das fassungslose Volk. In den nächsten 3 Wochen werden 3.000 Menschen wegen "Staatsverleumdung" verhaftet; gegenüber dem ersten Halbjahr steigt im zweiten Halbjahr 1961 die Zahl der politischen* Strafurteile von 4.500 auf über 18.000. (3)
Als man anfängt, die Zugänge zu ihrem direkt an der Sektorengrenze liegenden Haus in der Bernauer Straße zu versperren, springt die 58jährige Ida Siekmann am frühen Morgen des 22. August 1961 aus dem Fenster, um in den französischen Sektor zu gelangen, der am Gehweg unter ihrem Fenster beginnt. Auf dem Weg ins Krankenhaus stirbt sie an den erlittenen Verletzungen.
Zwei Tage später versucht der 24jährige Günter Litfin durch den Humboldt-Hafen beim Lehrter Bahnhof nach West-Berlin zu schwimmen. Zwei Transportpolizisten erkennen seine Fluchtabsichten, geben Warnschüsse ab, wollen ihn nicht entkommen lassen und eröffnen gezieltes Feuer auf den im Wasser Schwimmenden. Günter Litfin erhält einen Kopfschuss und versinkt tödlich getroffen im Wasser.
Bis 1989 sterben etwa 200 Menschen an der Berliner Mauer.
Foto: Wolfgang Paul, Mauer der Schande, München 1961
(1) Zahlen: chronik-der-mauer.de
(2) Geschichte der Familie Weinstein, "Wir Kinder der Mauer", ARD
(3) Zahlen: Klaus Schröder, "Die DDR", 2019
* Genau genommen macht es jedoch keinen Sinn, in der DDR zwischen "politischen" und "unpolitischen" Strafurteilen zu unterscheiden. Denn: "Das sozialistische Recht dient der Entwicklung der bewussten Disziplin (...) der Mitglieder der sozialistischen Gesellschaft." (Lehrbuch m.-l. Staats- und Rechtstheorie, 1980)
"Dem Klassenkampf (...) entspricht unsere Parteilichkeit der ideologischen Haltung. Das (...) kann nicht dazu führen, dass der Richter 'objektiv' Angeklagte, Verteidiger und Staatsanwalt als gleichberechtigte Parteien behandelt." (Hilde Benjamin, Neue Justiz, 1961, S. 155)