12/10/2026
Das Generalgouvernement: Koloniale Ausbeutung und Terror im Dienste des Deutschen Reiches
Vor 87 Jahren, am 12. Oktober 1939, unterzeichnete Adolf Hi**er den Erlass zur Errichtung des Generalgouvernements. Das Dokument trat am 26. Oktober in Kraft und unterstellte einen Teil der besetzten Gebiete der Zweiten Polnischen Republik einer deutschen Zivilverwaltung unter Hans Frank. Doch es ging um weit mehr als eine territoriale Neuordnung. Der Erlass legte einen der Grundsteine für eine verbrecherische Herrschaft, die auf Gewalt, rassistischer Ausgrenzung und der wirtschaftlichen Ausbeutung der unterworfenen Bevölkerung beruhte.
Das Generalgouvernement umfasste zunächst die Distrikte Krakau, Warschau, Radom und Lublin; im August 1941 kam der Distrikt Galizien hinzu. Anders als andere besetzte polnische Gebiete wurde es nicht förmlich in das Deutsche Reich eingegliedert. Es sollte deutschen Interessen dienen: als wirtschaftlich auszubeutendes Gebiet und als Reservoir billiger Arbeitskräfte. Langfristig sollte es zum Schauplatz nationalsozialistischer Kolonisierungs- und Germanisierungspläne werden.
Der koloniale Charakter dieser Herrschaft prägte den Alltag der Besatzung: Eigentum wurde beschlagnahmt, Menschen wurden zur Arbeit gezwungen, Lebensmittel rationiert. Diskriminierende Vorschriften entzogen der polnischen und jüdischen Bevölkerung systematisch grundlegende Rechte. Die deutsche Besatzungspolitik zielte darauf, die Gesellschaft dauerhaft zu unterwerfen, ihre Eliten zu vernichten und die ethnische wie soziale Zusammensetzung der eroberten Gebiete zu verändern.
Das Generalgouvernement wurde zu einem der zentralen Schauplätze deutscher Terror- und Völkermordpolitik. Hier fanden Massenerschießungen statt, hier wurden polnische Eliten verfolgt und ermordet, Ghettos errichtet und die jüdische Bevölkerung systematisch von der übrigen Bevölkerung isoliert. Hier lagen auch die drei Vernichtungslager Bełżec, Sobibór und Treblinka. Sie bildeten den Kern der „Aktion Reinhardt“, der vor allem Jüdinnen und Juden aus dem Generalgouvernement zum Opfer fielen, aber auch Menschen, die aus anderen Teilen des besetzten Europas deportiert worden waren.
Getragen wurde dieses System nicht allein von SS und Polizei. Auch Tausende deutsche Beamte hielten es in Gang. Ihre Entscheidungen übersetzten die Ziele nationalsozialistischer Politik in den Alltag der Besatzung. Die Geschichte des Generalgouvernements zeigt, wie eng unmittelbare Gewalt und bürokratische Herrschaft miteinander verbunden waren. Ein weitverzweigter Verwaltungsapparat verlieh der verbrecherischen Politik den Anschein institutioneller Ordnung.
Mit Verordnungen, Verfügungen und alltäglichen Amtshandlungen verfestigten die Beamten ein System des Unrechts, der Diskriminierung und der Ausbeutung. Die Zivilverwaltung war damit eines der zentralen Instrumente deutscher Besatzungsherrschaft.
Die Erforschung dieser Herrschaft ist längst nicht abgeschlossen. Am Pilecki-Institut erschließen und sammeln wir fortlaufend weitere Quellen. Ein aktuelles Beispiel sind die privaten Memoiren eines deutschen Juristen und SS-Mannes, der in der Verwaltung des Generalgouvernements tätig war. Die Aufzeichnungen wurden dem Institut vor Kurzem übergeben und gewähren einen seltenen Einblick in den Besatzungsalltag aus der Perspektive eines nachgeordneten Zivilbeamten: in Korruption, Grausamkeit und die beiläufige Gleichgültigkeit gegenüber dem Terror.
Über diesen Fund berichtete kürzlich Oliver Moody in der britischen Tageszeitung *The Times*. Sein Artikel stützt sich ausführlich auf die Forschungen unserer Wissenschaftlerin Dr. Joanna Nikel, die die Dokumente untersucht hat.
Bildquelle: Nationales Digitalarchiv (NAC)