Pilecki-Institut

Pilecki-Institut Kultur- und Forschungsinstitut zur Geschichte des 20. Jahrhunderts, Polens sowie Ost- und Mitteleuropas
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Vor 37 Jahren: Erste freie Wahl im Ostblock nach 1945Die revolutionäre Logik des Kompromisses - so könnte man die Ereign...
04/06/2026

Vor 37 Jahren: Erste freie Wahl im Ostblock nach 1945

Die revolutionäre Logik des Kompromisses - so könnte man die Ereignisse des 4. Juni 1989 auch beschreiben. Der Sieg der Solidarność bei den ersten „halbfreien Wahlen“ hinter dem Eisernen Vorhang hätte kaum deutlicher ausfallen können. Die Bewegung errang alle frei verfügbaren Mandate im Sejm sowie 99 von 100 Senatssitzen.

Foto: Wojciech Milewski / Zbiory Europejskiego Centrum Solidarności Gdańsk, 4 czerwca 1989

Die Opposition durfte maximal 35 % der Sejmabgeordneten stellen (erste Parlamentskammer), im Senat hingegen 100 %: Was heutzutage im besten Falle als „Semidemokratie“ durchgehen würde, galt 1989 als eine wahre Sensation, die eine immense Strahlkraft auf den gesamten Ostblock ausübte. Infolge des sogenannten Herbstes der Völker fanden in sechs Ländern freie Wahlen statt: Polen, Tschechoslowakei, Ungarn, Bulgarien, Ex-DDR und Rumänien.

Der Wahlsieg der Solidarność kam jedoch nicht aus dem Nichts. Er war vielmehr das Ergebnis eines jahrzehntelangen Erosionsprozesses, in dessen Verlauf die Legitimität des kommunistischen Systems immer weiter schwand. Dazu gehörten die Aktivitäten der oppositionellen Bauernpartei PSL in den unmittelbaren Nachkriegsjahren, der bewaffnete Widerstand des antikommunistischen Untergrunds sowie die Proteste von Arbeitern, Studenten und Intellektuellen in den Jahren 1956, 1968, 1970 und 1976.

Die eigentliche Zäsur stellte jedoch die Entstehung der Solidarność-Bewegung im Sommer 1980 dar. Der Streik auf der Danziger Werft griff rasch auf hunderte Betriebe im ganzen Land über und führte zur Unterzeichnung der Augustabkommen sowie zur Gründung einer unabhängigen Gewerkschaft, die schon bald weit über den Charakter einer klassischen Arbeiterorganisation hinauswuchs. Obwohl die kommunistischen Machthaber versuchten, diese Entwicklung durch die Verhängung des Kriegsrechts im Dezember 1981 aufzuhalten, ließ sich die gesellschaftliche Dynamik langfristig nicht mehr zurückdrehen.

Das alles war eine direkte Folge des im Februar berufenen „Runden Tisches“, an welchem Vertreter der Opposition und der Regierung zusammenkamen, um Kompromisspotenziale und Wege aus dem im damaligen Polen vorherrschenden politischen Klinsch auszuloten. Die polnische Wirtschaft war am Ende, die Unterstützung der UdSSR für die polnischen kommunistischen Machthaber wurde immer fraglicher, die Abhängigkeit vom Westen, u. a. durch die von General Jaruzelski 1986 beantragten finanziellen Hilfspakete seitens des IWF, immer größer. Ein „Weiter-so“ war undenkbar, selbst für die Hardliner der „PZPR“ (Deutsch: PVAP, Polnische Vereinigte Arbeiterpartei).

Dabei entbehrte die politische Lage nicht einer gewissen Pikanterie: Ursprünglich wollte die damalige Solidarność eine Machtübernahme eigentlich vermeiden, den Regierenden hingegen lag viel daran, die nahende wirtschaftliche Katastrophe der Opposition in die Schuhe zu schieben. Nicht nur, dass eine Delegation der Solidarność General Kiszczak klarzumachen versucht hatte, dass man an einer Regierungsbeteiligung nicht interessiert sei, sondern man ging gar noch weiter – nachdem die PZPR im ersten Wahlgang nicht die in der Verfassung festgelegte Mindestanzahl an Stimmen erhielt, stimmte man einer Reform des Wahlrechts und einer weiteren Wahlrunde zu.

Schließlich erschien der konsequenzenreiche Artikel „Euer Präsident, unser Premier“ von Adam Michnik, welcher postulierte, die demokratische Opposition solle eine Koalition mit dem reformatorischen Flügel der PZPR eingehen und folgenden Deal vorschlagen: eine Kohabitation bestehend aus einem PZPR-Präsidenten und einem Solidarność-Regierungschef. Tatsächlich wurde daraufhin Tadeusz Mazowiecki zum ersten nichtkommunistischen Premierminister ernannt, während General Jaruzelski nun der Präsident war. Allerdings nicht für lange: In der Zwischenzeit hatte es der heutige Vorsitzende der PiS-Partei Jarosław Kaczyński verstanden, sich als Hauptstratege der ehemaligen Opposition zu positionieren. Er suchte das Gespräch mit den ehemaligen PZPR-Satellitenparteien ZSL und SD, was kurz darauf erste Früchte trug. Die Satellitenparteien wandten sich von der PZPR ab, arbeiteten nun mit der ehemaligen Opposition zusammen und die politische Gemengelage entwickelte eine solch wuchtige Eigendynamik, dass zwischenzeitlich General Jaruzelski zurücktrat, um vom in den ersten direkten Präsidentschaftswahlen gewählten L**h Wałęsa ersetzt zu werden.

Häufig wird an dieser Stelle der Punkt gesetzt, doch verklärt dies die eigentliche Essenz der Solidarność-Bewegung und der späteren freien Wahlen. Jadwiga Staniszkis, eine anerkannte Soziologin, die ihre Hauptwerke zur Solidarność-Bewegung an Top-US-Unis verfasste und Mitglied des Solidarność-Expertenrats war, gab später zu Protokoll, welche essenzielle Rolle die „einfachen Arbeiter“ spielten: Nicht nur, weil sie häufig Job und Existenzunterhalt riskierten, sondern auch, weil sie zu Idealen und Visionen einen direkten praktischen Bezug hatten, statt diese realitätsfremd herbeizutheoretisieren.

Laut Staniszkis waren die Intellektuellen und Experten der Solidarność-Bewegung teils so stark in ihren theoriegeleiteten Erklärungsmustern gefangen, dass sie dadurch zu einer Art übertriebener Verhaltenheit neigten. So waren es die Arbeiter, die darauf pochten, um jeden Preis die Umsetzung des ersten der 21 Postulate einzufordern: die Anerkennung der von Partei und Arbeitgebern unabhängigen Arbeitergewerkschaften.

Wie üblich bei solchen bedeutsamen politischen Ereignissen, fehlt es bis heute nicht an Kontroversen. Da wäre zum einen die Frage nach dem eigentlichen historischen Wendepunkt. Für die einen war es vor allem die Papstvisite 1979, welche Frank Bösch in seinem Buch „Zeitenwende 1979: Als die Welt von heute begann“ als maßgeblich zum politischen Umbruch im Ostblock beitragend einschätzte. Die anderen akzentuieren vor allem die Entstehung der Solidarność-Bewegung, außenpolitische Umstände oder die Bankrotterklärung der Planwirtschaft.

Der Vorschlag, einen „Runden Tisch“ zu organisieren, genoss großen Rückhalt sowohl innerhalb der Opposition als auch in der Gesellschaft insgesamt. Obwohl an ihm sowohl Vertreter der Opposition als auch der Regierungspartei teilnahmen, gab es marginal auch Meinungsunterschiede innerhalb der Opposition. Hier und dort wurden Vorwürfe laut, dass nicht alle Oppositionsgruppen gerecht vertreten seien. Ferner wollten z. B. die Vertreter der radikalen „Kämpfenden Solidarność“ (Solidarność Walcząca), zu deren Mitgliedern sowohl der Ex-Chef der Bürgerplattform Grzegorz Schetyna als auch Kornel Morawiecki, der Vater des ehemaligen Ministerpräsidenten Mateusz Morawiecki, gehörten, von einem „faulen Kompromiss“ nichts wissen.

Mit der Zeit machte sich auch bei einigen moderateren Vertretern Unmut breit, eine fortschreitende Entfremdung zwischen den Eliten und „einfachen Mitgliedern“ der Opposition wurde bemängelt. Konnte Polen 1989 noch die Vorreiterrolle beim Sturz des Kommunismus für sich behaupten, hinkte es nun anderen Ländern, in welchen mittlerweile 100 % freie Wahlen durchgeführt wurden, hinterher. Sollte man dem Prinzip „Pacta sunt servanda“ in Bezug auf die Beschlüsse am Runden Tisch folgen oder neue Wahlen organisieren? Es folgte der „Krieg an der Spitze“ und mit der Einheit innerhalb der ehemaligen demokratischen Opposition war es nicht mehr weit her.

Etwas überraschend mutet vielleicht die Tatsache an, dass der wirtschaftliche Kurs dabei nie ernsthaft infrage gestellt wurde, obwohl das Land damals einen wahren wirtschaftlichen Tsunami erlebte. Die Wirtschaft war am Boden, schnelle Entscheidungen waren gefragt, die am Runden Tisch nicht teilnehmenden Vertreter der Opposition wurden de facto vor vollendete Tatsachen gestellt: Als „Plan Balcerowicza“ wurde eine umfangreiche Liste wirtschaftlicher, dem liberalen Duktus folgender Reformen getauft, die häufig in Zusammenarbeit mit internationalen Experten konzipiert wurden.

Letztere waren meistens Vertreter internationaler Organisationen wie dem IWF und wurden manchmal etwas verächtlich als „Mariott-Brigaden“ bezeichnet. Gerade in der ersten Phase waren Parteibonzen häufig die Nutznießer der Privatisierungsprozesse, viele Arbeiter hingegen wurden auf einmal arbeitslos, erfuhren die schmerzlichen Effekte der Hyperinflation am eigenen Leib und mussten miterleben, wie jegliche Dekommunisierungs- und Lustrationsvorschläge im Keim erstickten. Und schließlich waren in Polen auch immer noch sowjetische Truppen stationiert.

Dennoch: Wirklich offen und explizit wurde der (relativ) proliberale wirtschaftliche Kurs nur selten infrage gestellt. Weit verbreitet war die Erkenntnis, dass die kreditgetränkten 70er Jahre und die darauffolgende marode Dekade der 80er inklusive Verhängung des Kriegsrechts Polen zugrunde gewirtschaftet hatten. Egal welche Wirtschaftspolitik, allein der Weg hin zu einer Hartwährung musste zumindest temporär hohe soziale Kosten nach sich ziehen. Man hoffte, wirtschaftlich rationale Reformen würden sich langfristig auszahlen. Und der Ökonom Marcin Piątkowski gibt ihnen Recht: In seinem Buch „Europe's Growth Champion: Insights from the Economic Rise of Poland“, erschienen bei Oxford University Press, vertritt er die These, dass Polen zu einem der großen Wirtschaftswunder des 20. Jahrhunderts im Stile Südkoreas dazugezählt werden muss.

Die Bewertung des Runden Tisches und insbesondere das politische Vermächtnis der ersten Jahre waren jahrelang der Zankapfel der III RP – diese politisch divergierenden Narrative prägten die jeweiligen politischen Subjektivitäten der 90er Jahre sehr stark. „Zu Hause umstritten, im Ausland bewundert“ würde das politische Klima der 90er Jahre gut auf den Punkt bringen. Dazu passen auch folgende Überlegungen, die die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel einmal verlautbarte: „Der Weg der Solidarność kann in seiner Ermutigung auch für viele in der DDR gar nicht überschätzt werden. Ich weiß das aus meinem eigenen Leben“.

In Erinnerung an Rozalia Socha: In einer Zeit, in der jede Hilfe für Juden unter deutscher NS-Besatzung den Tod bedeuten...
03/06/2026

In Erinnerung an Rozalia Socha: In einer Zeit, in der jede Hilfe für Juden unter deutscher NS-Besatzung den Tod bedeuten konnte, wurde ihr kleines Haus zu einem Ort der Hoffnung.

Am 2. Juni 2026 wurde in Wola Rafałowska bei Rzeszów ein weiterer Erinnerungsstein im Rahmen des Projekts „Zawołani po imieniu“ ("Beim Namen gerufen") des Pilecki-Instituts enthüllt. Die Gedenktafel erinnert nun an Rozalia Socha, die während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg ermordet wurde, weil sie verfolgten Juden Schutz gewährte.

Rozalia Socha lebte allein in einem kleinen Haus am Rand von Wola Rafałowska. Trotz bescheidener Lebensumstände öffnete sie ihr Zuhause für Menschen, die vor Verfolgung und Vernichtung fliehen mussten. Im Sommer und Herbst 1942 versteckte sie zeitweise bis zu zehn jüdische Männer, Frauen und Kinder. Unter ihnen waren Izaak, Regina und Fajga Goldman sowie weitere Verfolgte aus der Region.

Die Geschichte von Rozalia Socha ist untrennbar mit den Dörfern Wola Rafałowska, Błędowa Tyczyńska und Zabratówka verbunden. Die drei benachbarten Dörfer südlich von Rzeszów bildeten während des Zweiten Weltkriegs eine eng verbundene Gemeinschaft. Hier lebten seit Generationen auch jüdische Familien, die mit den größeren jüdischen Gemeinden in Jawornik Polski und Tyczyn verbunden waren. Viele Bewohner kannten einander – so auch Rozalia Socha und die Familie Goldman aus dem nahegelegenen Zabratówka.

Nachdem die deutschen Besatzer die jüdische Bevölkerung der Umgebung in Ghettos zusammengetrieben und später deportiert hatten, suchten viele Menschen verzweifelt nach Verstecken in ihrer Heimatregion. Die Geschwister Regina und Izaak Goldman sowie ihre Nichte Fajga fanden schließlich Zuflucht bei Rozalia Socha.

Am 13. September 1942 wurde das Versteck infolge einer Denunziation durch einen lokalen Kollaborateur entdeckt. Die NS-Funktionäre ermordeten sechs der acht Menschen, die sich damals auf dem Hof aufhielten. Regina und Fajga Goldman gelang die Flucht. Von den Anhöhen zwischen Wola Rafałowska und Błędowa Tyczyńska aus mussten sie mit ansehen, wie ihre Angehörigen und Mitversteckten ermordet wurden. Rozalia Socha selbst war an diesem Tag nicht zu Hause. Wenige Monate später, am 19. Dezember 1942, kehrten NS-Gendarmen zurück. Sie fanden Rozalia Socha und erschossen sie in der Nähe des Grabes jener Menschen, denen sie geholfen hatte. Die Dörfer Wola Rafałowska, Błędowa Tyczyńska und Zabratówka wurden so zum Schauplatz einer Geschichte von Mut und Menschlichkeit, aber auch von Verrat und Gewalt.

Bei der Gedenkfeier erinnerte Karol Madaj, amtierender Direktor des Pilecki-Instituts in Warschau, daran, dass Rozalia trotz ihrer einfachen Verhältnisse gleich mehreren Familien Schutz gewährte:

„Trotz des Mordes, der hier geschah, trotz der Gefahr, die jeden Tag lauerte, bestanden die Bewohner von Wola Rafałowska – ebenso wie Rozalia Socha – die Prüfung der Menschlichkeit.“

Er betonte außerdem:

„Es gäbe diesen Brief nicht, es gäbe diese nachfolgenden Generationen nicht, wenn es nicht diese Gemeinschaft gegeben hätte, wenn es nicht diese Brüderlichkeit im Menschsein gegeben hätte, die Rozalia Socha verkörperte.“

Zu den Ehrengästen der Zeremonie gehörten Angehörige von Rozalia Socha sowie Vertreter der Familie der Geretteten. Verlesen wurde unter anderem ein Brief von Howard Nightingale, dem Sohn der geretteten Fajga Goldman. Darin würdigte er die außergewöhnliche Haltung der Ermordeten:

„Sie öffnete ihr Haus und ihr Herz für viele Juden, die vor den Nationalsozialisten flohen. Sie handelte nicht aus dem Wunsch nach Anerkennung oder Belohnung. Sie handelte, weil sie daran glaubte, dass menschliches Leben Schutz verdient.“

Auch Tadeusz Bujak, ein Verwandter Rozalia Sochas, sprach über die Bedeutung des Erinnerns nach Jahrzehnten des Schweigens:

„Wenn wir diesen Gedenkstein sehen, wissen wir nun mit Gewissheit: Rozalia wurde nicht vergessen. Ihr Opfer war nicht vergebens.“

Das Programm „Zawołani po imieniu“ erinnert seit 2019 an Bürger der Zweiten Polnischen Republik, die während der deutschen Besatzung ermordet wurden, weil sie jüdischen Mitmenschen halfen. Es verbindet historische Forschung, Bildungsarbeit und öffentliche Erinnerungskultur. Archivrecherchen, Gespräche mit Angehörigen, Bildungsangebote für junge Menschen und Gedenkveranstaltungen vor Ort tragen dazu bei, oftmals vergessene Geschichten wieder sichtbar zu machen. Im Zentrum jeder Ehrung steht ein Erinnerungsstein an dem Ort, an dem sich die Ereignisse abgespielt haben. Die Inschrift erinnert sowohl an die Helfenden als auch – soweit ihre Identität bekannt ist – an die Geretteten und Ermordeten. So erhalten ihre Namen und Lebensgeschichten wieder einen festen Platz im kollektiven Gedächtnis.

Wie es im Begleitmaterial des Programms heißt, geht es darum, Menschen „beim Namen zu rufen“ und ihnen ihre Würde und ihren Platz in der Geschichte zurückzugeben. Oder mit den Worten des Dichters Zbigniew Herbert:

„Wir müssen also wissen, genau zählen, beim Namen rufen und für den Weg ausstatten.“

Mit der Ehrung von Rozalia Socha wurde die 41. Gedenkveranstaltung im Rahmen des Programms „Zawołani po imieniu“ verwirklicht. Sie erinnert an die 103. Person, deren Geschichte das Pilecki-Institut auf diese Weise der Vergessenheit entreißt.

Morgen 18 Uhr: "Warschau 1905: Geschichte machen und die Moderne anführen" Wir freuen uns auf eine weitere Veranstaltung...
03/06/2026

Morgen 18 Uhr: "Warschau 1905: Geschichte machen und die Moderne anführen"

Wir freuen uns auf eine weitere Veranstaltung im Rahmen der Reihe "Mehrzahl Modern", die in Zusammenarbeit mit der Fernuniversität in Hagen stattfindet.

Anmeldung: https://docs.google.com/forms/d/e/1FAIpQLSdSEcosPA5Hsx8LifBzI0ZVSb1_eVJ5gh2rNjZWLOitp95Hvg/viewform

Fortschritt und Revolution gelten als zentrale Kategorien des modernen Zeitgefühls. Während der Fortschrittsgedanke Geschichte als übermächtige Entwicklungskraft begreift, eröffnet die Revolution zugleich die Vorstellung, dass Menschen historische Prozesse aktiv gestalten können. Während des Vortrag analysiert Dr. Clara Frysztacka, wie diese beiden eng miteinander verflochtenen Vorstellungen – die Übermacht der Geschichte und ihre Machbarkeit – die Wahrnehmung der Gegenwart während der Revolution von 1905 in Warschau prägten.

Im Fokus steht die Warschauer Massenpresse, die die Demonstrationen, Streiks und Repressionen des Jahres 1905 im Spannungsfeld zwischen Fortschritt und Revolution deutete. Auf diese Weise versuchte sie, den Platz Warschaus innerhalb der westlichen Moderne zu bestimmen und die polnische Hauptstadt unter zaristischer Herrschaft als Teil einer sich wandelnden europäischen Gegenwart zu verstehen.

Dr. Clara M. Frysztacka ist Historikerin. Zu ihrer Forschungsschwerpunkten zählen insbesondere die Geschichte der Geschichtstheorie und Modernevorstellungen, post- und dekoloniale Geschichte Osteuropas, gesellschaftlicher und politischer Wandel in den langen 1970er Jahren und Europaideen und Europäisierungsprozesse des 19. und 20. Jahrhunderts. Sie war wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für europäische Zeitgeschichte der Universität Siegen (2012−2015) und der Europa-Universität Viadrina. Seit Juli 2023 arbeitet sie als Referentin für Zeitgeschichte bei der Heinrich-Böll-Stiftung. Sie ist zugleich Mitherausgeberin des Portals Copernico für Geschichte und Kulturerbe im östlichen Europa.

Public History - FernUniversität Hagen

„Fragt eure Eltern, fragt eure Schwester, fragt euren Lehrer. Und googelt erst danach.“So antwortete Mateusz Fałkowski, ...
01/06/2026

„Fragt eure Eltern, fragt eure Schwester, fragt euren Lehrer. Und googelt erst danach.“

So antwortete Mateusz Fałkowski, stellvertretender Leiter des Pilecki-Instituts, bei den 7. Göttingen-Thorner Gesprächen auf die Frage, was das Wichtigste im Umgang mit Informationen sei.

Er hob die Bedeutung realer Beziehungen und Kontakte hervor, darunter auch sogenannter „schwacher Beziehungen“, die über unsere sozialen und politischen Blasen hinausreichen. Der Begriff wurde vom amerikanischen Soziologen Mark Granovetter geprägt und bezeichnet lose Kontakte außerhalb des engsten sozialen Umfelds, die häufig neue Perspektiven und Informationen vermitteln und damit Brücken zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus schlagen.

Im Mittelpunkt der diesjährigen Ausgabe standen Desinformation und Propaganda sowie die Frage, inwiefern sie die deutsch-polnischen Beziehungen und die Zivilgesellschaft gefährden.

Mateusz Fałkowski wurde unter anderem gefragt, wie das Pilecki-Institut den vereinfachenden Darstellungen des Zweiten Weltkriegs entgegenwirkt, die über soziale Medien die junge Generation beeinflussen.

„Ich sage gleich zu Beginn vielleicht etwas Provokatives: Am besten wäre es, das Internet zu verbieten. Das Internet mit all seinen Algorithmen in den sozialen Medien usw. zu verbieten.

Aber das ist unrealistisch. Was kann also politische und historische Bildung tun? Die grundlegenden, wichtigsten Fakten vermitteln. Das ist ihre Aufgabe. Einerseits jungen Menschen Dokumente zeigen, die diese Fakten veranschaulichen. Andererseits Unterstützung für die realen Menschen aufbauen, die diese Fakten weiterhin vermitteln werden – also für die Lehrer. Wir machen Infrastruktur für diese Leute.“

Es sei wichtig, Erinnerungskulturen nicht allein auf Erinnerung, sondern auch auf konkretes Wissen und historische Fakten zu gründen, betonte Fałkowski.

Neben Mateusz Fałkowski sprachen die Journalistin und ehemalige Leiterin des Projekts dekoder, Tamina Kutscher, der Koordinator der Bundesregierung für die deutsch-polnischen Beziehungen, Knut Abraham, der Philosoph und Ideenhistoriker Prof. Marek Cichocki, der Publizist und Schriftsteller Marko Martin, der stellvertretende Botschafter der Republik Polen in Deutschland, Jakub Wawrzyniak, sowie die Journalisten Philipp Fritz und Adam Górczewski.

Am Samstag fand zudem ein Gespräch mit der Schriftstellerin Ulrike Draesner statt, die über ihren Roman „Sieben Sprünge vom Rand der Welt“ sprach.

„Das erste Göttingen-Thorner Seminar fand im Oktober 2019 statt. Seitdem hat sich die von der Deutsch-Polnischen Gesellschaft und der Polnisch-Deutschen Gesellschaft ergriffene Initiative zu einer festen Plattform für den Dialog und die Zusammenarbeit zwischen den Zivilgesellschaften beider Länder entwickelt. Die Veranstaltung findet abwechselnd in Toruń und Göttingen statt und zieht von Jahr zu Jahr ein breiteres Publikum aus Politik, Wissenschaft, Medien und Kultur an“, schrieb das deutsch-polnische Magazin Dialog.

27/05/2026

History did not end in 1945.
Nor did it end in 1989.
Nor will it end in 2026.

That is why we regularly discuss with diplomats from around the world the lessons of Witold Pilecki, his mission into the German concentration camp Auschwitz to inform the world about its horrors, the role of the Polish Underground State in organizing and encouraging these efforts, the near-total destruction of Warsaw by N**i Germany, and the extraordinary effort to rebuild the city from ruins.

And how it was possible that Pilecki, after escaping from Auschwitz, was executed by the Stalinist regime.

Because totalitarian evil always lurks just around the corner.

Learning history also means preparing for the future.

Warsaw 1945–1947: The Life of Ruins and Life in the RuinsNew lecture by Dr. Błażej Brzostek accompanying our exhibition ...
26/05/2026

Warsaw 1945–1947: The Life of Ruins and Life in the Ruins

New lecture by Dr. Błażej Brzostek accompanying our exhibition “WARSAW REBORN. REPORTAGE PHOTOGRAPHY 1945–1949”

How does one live in a destroyed city? How do ruins change over time, and how do new forms of everyday life emerge among rubble, provisional shelters, and overgrown landscapes of debris?

Dr. Błażej Brzostek is regarded as one of the leading historians of Warsaw, and his books on the Polish capital have profoundly shaped contemporary understanding of the city’s past. His most recent book, “Wstecz,” was enthusiastically received as a “brilliantly narrated journey into the past” and a “masterful combination of history, memory, and urban space.”

Warsaw 1945–1947: The Life of Ruins and Life in the Ruins

Lecture by Dr. Błażej Brzostek

02.06, 18.00 | Pariser Platz 4A, 10117 Berlin

Registration: https://forms.gle/LUd2j65So5gpQJ3x8

In his lecture, historian and author Dr. Błażej Brzostek — whose acclaimed history of Warsaw, “Wstecz!”, has been celebrated throughout Poland — opens up new perspectives on the Polish capital in the immediate postwar years. The dialectic between destruction and rebirth in a city razed to the ground, which many visitors immediately perceive in the exhibition “Warsaw Reborn …”, is expanded by Brzostek into another dimension: that between nature and culture, between ending and new beginning.

Focusing on Warsaw between 1945 and 1947, Brzostek explores the unique world of life among the ruins and the complex relationship between people and their devastated surroundings. While nature slowly reclaims the ruined city, its inhabitants simultaneously attempt to rebuild everyday life amid the rubble.

„Ich bemühte mich so zu leben, dass ich mich im Angesicht des Todes eher freuen als fürchten kann“, lauteten die bekannt...
25/05/2026

„Ich bemühte mich so zu leben, dass ich mich im Angesicht des Todes eher freuen als fürchten kann“, lauteten die bekannten Worte Witold Pileckis nach der Verkündung seines Todesurteils. Am 25. Mai 1948 wurde es auf Befehl der kommunistischen Behörden vollstreckt.

Witold Pilecki war Pfadfinder, Offizier der Polnischen Armee und der Heimatarmee, Mitbegründer der Geheimen Polnischen Armee, Warschauer Aufständischer und Mitglied der antikommunistischen Organisation „NIE“. Er ließ sich freiwillig nach Auschwitz deportieren, wo er eine Widerstandsbewegung organisierte und Beweise für die deutschen nationalsozialistischen Verbrechen sammelte. Bis heute ist von keinem anderen Menschen eine vergleichbare Tat bekannt.

Und doch war die Sicherung der stalinistischen Herrschaft wichtiger als alles andere. Am 8. Mai 1947 wurde er vom kommunistischen Sicherheitsdienst UB verhaftet, während der Ermittlungen brutal verhört und gefoltert.

Ein Jahr später verurteilten ihn die kommunistischen Machthaber auf Grundlage fabrizierter Beweise in einem Schauprozess zum Tode. Unter denjenigen, die um Gnade baten, war auch seine Frau Maria, doch der damalige kommunistische Oberhaupt Bolesław Bierut machte von seinem Gnadenrecht keinen Gebrauch.

Die Erinnerung an Pilecki wollten die Kommunisten bis zum Ende nicht zulassen: Trotz eines zwischenzeitlichen Tauwetters und einer vorsichtigen Liberalisierung des kommunistischen Systems in Polen nach 1956 blieb seine Geschichte bis zur Wende von 1989 tabu und wurde von der offiziellen Geschichtsschreibung systematisch verschwiegen. Seine Familie wurde bis zum Ende des Kommunismus diskriminiert; Angehörigen blieb unter anderem der Zugang zu Universitäten verwehrt.

Die Täter dieser Verbrechen wurden indes nie zur Rechenschaft gezogen. Bis heute ist der genaue Ort seiner Bestattung unbekannt. Ein symbolisches Grab befindet sich auf dem Warschauer Friedhof Powązki.

Um seine zeitlose Botschaft des Antitotalitarismus, des Widerstands gegen Unterdrückung und der Freiheit dauerhaft in Europa zu verankern, erklärte das Europäische Parlament im Jahr 2019 den 25. Mai, den Todestag Witold Pileckis, zum Internationalen Tag der Helden des Kampfes gegen den Totalitarismus.

Eine weitere enthusiastische Rezension der Sonderausstellung "Warschaus Neuanfang 1945-1949. Fotografien vom Leben in de...
22/05/2026

Eine weitere enthusiastische Rezension der Sonderausstellung "Warschaus Neuanfang 1945-1949. Fotografien vom Leben in den Trümmern" in dem anerkannten Branchenmagazin "World Architects" (Link in den Kommentaren).

"Vom ungebrochenen Lebensmut der in das weitgehend zerstörte Warschau zurückgekehrten Menschen und von ihrer Tatkraft beim Wiederaufbau erzählt eine beeindruckende Fotoausstellung in Berlin. Sie dokumentiert die ersten Jahre nach Kriegsende in der polnischen Hauptstadt." schreibt Oliver G. Hamm

"Wer derzeit in Berlin, vom Brandenburger Tor kommend, über den Pariser Platz schlendert, wird an der Fassade eines sonst unscheinbaren Gebäudes von zwei gut gelaunten Jungs mit verschmitzten Gesichtern angestrahlt. Sie werben – beziehungsweise die von Jerzy Baranowski angefertigte Fotografie wirbt – für eine kleine, aber wichtige Ausstellung, deren Titel schon erkennen lässt, dass solch unbeschwerte Momente eher die Ausnahme als die Regel der hier gezeigten Bildmotive sind: »Warschaus Neuanfang 1945–1949. Fotografien vom Leben in den Trümmern«.

Und doch gewinnt, wer sich dem themenreichen Bilderreigen aussetzt, den Eindruck, dass sich die Menschen in der von deutschen Truppen weitgehend zerstörten polnischen Hauptstadt in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg ihren Lebensmut nicht haben nehmen lassen und in einer gewaltigen Kraftanstrengung die Trümmer beseitigt, den Wiederaufbau begonnen und die Stadt im wahrsten Sinne des Wortes wiederbelebt haben."

world architects

Adresse

Pariser Platz 4a
Berlin
10117

Öffnungszeiten

Dienstag 10:00 - 17:00
Mittwoch 10:00 - 18:00
Donnerstag 10:00 - 18:00
Freitag 10:00 - 18:00
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