31/08/2026
„Die Solidarność war die weltweit größte Befreiungsbewegung nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie war eines der wichtigsten Phänomene, die die Menschheit in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlebt hat“, schrieb der französische Soziologe Alain Touraine. Heute jährt sich die Unterzeichnung des Danziger Augustabkommens zum 46. Mal.
Bis heute ist Solidarność zugleich ein enorm wichtiger Bestandteil der europäischen kollektiven Erinnerung und eine politische Blaupause: Sie lebte das Arendtsche Ideal einer Agora vor und bot Raum für unterschiedlichste politische und gesellschaftliche Strömungen von links über die Mitte bis nach rechts. So brachte sie höchst unterschiedliche Persönlichkeiten wie L**h Wałęsa, Anna Walentynowicz, Andrzej Gwiazda, Joanna Duda-Gwiazdowska, Alina Pienkowska, Jacek Kuroń, Tadeusz Mazowiecki, L**h Kaczyński und Bronisław Geremek zusammen, wenn auch nicht ohne Spannungen und Konflikte, und schuf eine echte Gegenöffentlichkeit. Damit bietet sie eine überzeugende Antwort auf die zunehmende Polarisierung unserer Zeit. Sie zeigte zugleich, dass kluges und beharrliches politisches Engagement nicht nur den Kommunismus in Polen überwinden, sondern den Wandel in ganz Mittel- und Osteuropa anstoßen konnte.
Es markierte den Anfang vom Ende des Staatssozialismus im Ostblock und damit auch den Beginn jener Entwicklung, die schließlich zum Fall der Berliner Mauer führte. Das Danziger Abkommen vom 31. August 1980 zwischen der Regierungskommission und dem überbetrieblichen Streikkomitee unter L**h Wałęsa war das folgenreichste der vier Augustabkommen: Erstmals erkannte ein Ostblockstaat unter dem Druck einer gesellschaftlichen Massenbewegung unabhängige Gewerkschaften an.
Im Sommer 1980 erfasste Polen eine beispiellose Streikwelle. Der unmittelbare Auslöser des Streiks auf der Danziger Leninwerft war die Entlassung der Gewerkschafterin Anna Walentynowicz. Entscheidend war jedoch, dass die Werftarbeiter ihren Ausstand nach ersten Zugeständnissen nicht beendeten. Auf Drängen unter anderem von Alina Pienkowska setzten sie ihn aus Solidarität mit den Beschäftigten anderer Betriebe fort. Aus einem lokalen Arbeitskampf wurde so eine landesweite Bewegung und Solidarität zu einem politischen Prinzip.
Aus der Streikwelle ging die legendäre Gewerkschaft Solidarność hervor und zugleich weit mehr als das. Gefordert wurden nicht nur Brot, bessere Arbeitsbedingungen und freie Gewerkschaften, sondern auch Meinungsfreiheit und eine schrittweise Öffnung des politischen Systems. Mit ihrer „sich selbst beschränkenden Revolution“, wie sie die Soziologin Jadwiga Staniszkis bezeichnete, rang die Bewegung den Machthabern weitreichende Zugeständnisse ab. Bald zählte sie fast zehn Millionen Mitglieder.
Im Dezember 1981 reagierte das kommunistische Regime mit der Verhängung des Kriegsrechts. Tausende Oppositionelle wurden interniert, Streiks gewaltsam niedergeschlagen und Solidarność verboten. Doch die Bewegung überlebte im Untergrund. Die Gespräche am Runden Tisch und die teilweise freien Wahlen vom 4. Juni 1989 ebneten schließlich den Weg zum ersten friedlichen Machtwechsel im Ostblock und trugen entscheidend zum Fall des Eisernen Vorhangs bei.
Welche Lehren und Inspirationen lassen sich heute aus der Solidarność ziehen? Sie bestätigt Hannah Arendts Einsicht, dass Freiheit im Zusammensein und durch das gemeinsame Handeln von Menschen entsteht. Gerade in Zeiten wachsender Spaltung verweist ihr Ethos auf den Wert einer inklusiven Agora: Liberale, Konservative, Linke, Gläubige und Atheisten wirkten Seite an Seite. Unter dem Dach der Solidarność und später in ihrem Untergrund entstand eine lebendige Gegenöffentlichkeit mit unabhängigen Zeitschriften wie Tygodnik Mazowsze, geheimen Verlagen, Bildungsinitiativen und Diskussionszirkeln. Eine wichtige Rolle spielte dabei auch die katholische Kirche, die Räume, Schutz und Kommunikationsmöglichkeiten bereitstellte.
Die Bewegung war keineswegs nur ein Projekt der Intellektuellen. Jadwiga Staniszkis, die dem Expertenrat der Solidarność angehörte, hob später die essenzielle Rolle der Arbeiter hervor: nicht nur, weil sie häufig ihren Arbeitsplatz und ihre Existenzgrundlage riskierten, sondern auch, weil sie Ideale und Visionen mit unmittelbarer praktischer Erfahrung verbanden. Laut Staniszkis waren manche Intellektuelle und Experten der Bewegung so sehr in ihren theoriegeleiteten Erklärungsmustern gefangen, dass sie zu übertriebener Zurückhaltung neigten. Es waren die Arbeiter selbst, die beharrlich auf der Umsetzung des ersten der 21 Postulate bestanden: der Anerkennung freier, unabhängiger Gewerkschaften – gegen taktische Ratschläge zur Mäßigung.
Manche deuteten diese Entwicklung als Dreischritt: 1970 protestierten die Arbeiter ohne die Intellektuellen, bei der Gründung des KOR 1976 organisierten sich die Intellektuellen zur Unterstützung verfolgter Arbeiter, 1980 kam es dann schließlich zur Synthese.
Doch die Solidarność-Bewegung fand nicht nur in Polen Widerhall. Bereits im August 1980 erklärte die Internationale Konföderation Freier Gewerkschaften ihre Unterstützung; bald folgten Gewerkschaften und andere Organisationen aus Frankreich, Italien, den USA und zahlreichen weiteren Ländern. Es gab deutsche und internationale Hilfspakete, Druckmaschinen für den Untergrund, Demonstrationen, Hungerstreiks und humanitäre Hilfe, die häufig über die Kirche organisiert wurde. Auch in anderen Ländern des Ostblocks bekannten sich mutige Menschen trotz drohender Repressionen offen zur Solidarität mit den Polen. Weltweite Aufmerksamkeit erregte zudem Ronald Reagans Weihnachtsansprache im Dezember 1981, in der er zur Solidarität mit der polnischen Bevölkerung aufrief.
Angela Merkel brachte die europäische Bedeutung der Solidarność-Bewegung auf den Punkt: „Ihr Freiheitswille hat Steine ins Rollen gebracht, die letztlich die Berliner Mauer und den Eisernen Vorhang zu Fall brachten.“