04/09/2026
Die Wurzel hat den Gehweg angehoben. Der erste Gedanke war: Baum muss weg. Der erste Gedanke ist fast immer der falsche.
Einfach absägen ist keine Lösung. Die Wurzeln eines Stadtbaums abzuschneiden, ohne Fachbewertung, destabilisiert den Baum, öffnet Eintrittspforten für Pilze und Fäulnis und erhöht das Risiko, dass er bei Sturm genau auf den fällt, der daruntergeht. Die Wurzel, die den Belag anhebt, ist fast immer ein Symptom, nicht die Ursache. Ein zu kleines Pflanzloch und ein vollständig versiegelter Boden zwingen die Wurzeln in die einzigen Risse, durch die noch Luft und Wasser kommen — nach oben, in Richtung Gehweg.
Was stattdessen funktioniert, in dieser Reihenfolge:
Zuerst: Fachleute rufen. Das Grünflächenamt, einen zertifizierten Baumpfleger (ISA- oder FLL-zertifiziert) oder einen Baumsachverständigen. In den meisten Fällen gibt es eine Lösung, die den Baum stehen lässt.
Die Baumscheibe vergrößern. Die häufigste und wirksamste Maßnahme: den versiegelten Bereich rund um den Stamm aufbrechen und erweitern. Das gibt den Wurzeln Luft und Wasser genau dort, wo sie sind — und nimmt ihnen den Grund, unter dem Gehweg weiter zu wachsen.
Den Belag tauschen. Starre Betonsteinpflaster oder Asphalt durch flexible oder durchlässige Materialien ersetzen: Rasengittersteine, wassergebundene Decke, Wurzelbrücken oder elastische Fugen. Diese Beläge geben nach, wenn eine Wurzel wächst, statt zu brechen und Stolperfallen zu erzeugen.
Wurzelschutz einbauen. Wurzelleitbleche oder Wurzelvorhänge aus HDPE-Folie lenken nachwachsende Wurzeln in die Tiefe statt zur Seite — eine Standardlösung im deutschen Straßenbau, die bei Neuanlagen und Sanierungen eingesetzt wird.
Kontrollierter Wurzelschnitt. Wenn es tatsächlich die Wurzel sein muss: Ein fachgerechter, gezielter Wurzelschnitt durch einen zertifizierten Baumpfleger — nicht durch einen Landschaftsgärtner mit einer Motorsäge. Der Schnitt wird sauber geführt, um die Wundfläche klein zu halten, und die Standsicherheit wird vorher und nachher bewertet.
Und wenn der Baum wirklich am falschen Standort steht: Umpflanzen ist möglich. Verpflanzmaschinen können Bäume bis zu einem bestimmten Stammumfang versetzen. Das ist teurer als Fällen, aber ein 50 Jahre alter Baum ist in keiner Baumschule nachzukaufen.
Was in Deutschland dazukommt: In den meisten deutschen Städten gibt es eine Baumschutzsatzung. Bäume ab einem bestimmten Stammumfang — oft ab 60 oder 80 Zentimetern — dürfen nicht ohne Genehmigung gefällt werden. Wer ohne Genehmigung fällt, begeht eine Ordnungswidrigkeit mit Geldbußen bis zu 50.000 Euro, in manchen Kommunen bis zu 100.000 Euro. Auch das Beschädigen von Wurzeln im Kronentraufebereich kann ein Verstoß sein. Die Genehmigung ist an eine Ersatzpflanzung geknüpft — und ein junger Ersatzbaum braucht Jahrzehnte, um die Klimaleistung des gefällten Baums zu erreichen.
Den Gehweg kann man reparieren. Einen erwachsenen Stadtbaum nicht. Bevor gefällt wird, alle Lösungen ausschöpfen, die den Baum stehen lassen.