01/09/2026
Ein bewegtes Jahr: Büdingen 1976
Das Jahr 1976 geht als ein Jahr der politischen Umbrüche, der zukunftsweisenden Stadtentwicklung und des regen kulturellen Lebens in die Annalen Büdingens ein. Es ist eine Zeit, in der sich große bundespolitische Ereignisse und tiefgreifende lokale Veränderungen die Hand geben.
Wachwechsel im Rathaus und politische Beben
Bereits im Frühjahr markiert ein emotionaler Abschied das Ende einer Ära in der Stadtpolitik: Am 20. Februar wird Bürgermeister Willi Zinnkann in einer feierlichen Stunde aus dem Amt verabschiedet. Regierungspräsident Dr. Hartmut Wierscher ehrt ihn für seine Verdienste mit der Freiherr-vom-Stein-Plakette. Nur wenige Wochen später, am 15. März, weht ein neuer Wind durch die Flure des Rathauses, als der Sozialdemokrat Roland Manz sein Amt als neuer Bürgermeister antritt.
Die Politik bleibt auch im Herbst das bestimmende Thema. Der Wahlkampf zur Bundestagswahl zieht prominente Redner an, wie den schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Dr. Gerhard Stoltenberg, der Ende September unter dem Motto „Freiheit statt Sozialismus“ im Bürgerhaus spricht. Der Wahltag selbst, der 3. Oktober, bringt in Büdingen ein denkbar knappes Ergebnis: Die SPD wird mit 47,1 Prozent stärkste Kraft, dicht gefolgt von der CDU mit 45,6 Prozent.
Doch der Wahlabend hält noch ein weitaus größeres Drama bereit: Nach Schließung der Wahllokale erklärt der hessische Ministerpräsident Albert Osswald aufgrund des sogenannten HELABA-Skandals seinen Rücktritt. Eine Zäsur für das Land Hessen, auf die rasch das Kabinett unter Holger Börner folgt, während auf Bundesebene im Dezember Helmut Schmidt im Kanzleramt bestätigt wird.
Stadtentwicklung: Zwischen historischem Erbe und modernen Visionen
Trotz der politischen Turbulenzen wird in Büdingen fleißig an der Zukunft gebaut. Die Infrastruktur wächst: Im Februar wird der neue Hochbehälter „Am Herrnberg“ offiziell seiner Bestimmung übergeben, und auch der Stadtteil Rinderbügen profitiert von einer modernen Wasserversorgung durch den Anschluss an Wolferborn. Für die Jugend und den Sport entsteht auf dem Dohlberg eine neue Schulturnhalle für 2,1 Millionen D-Mark, die im November eingeweiht wird.
Gleichzeitig besinnt man sich auf das historische Erbe der Stadt. Im März gründet sich hier die „Arbeitsgruppe Bautechnik“ der „Arbeitsgemeinschaft Historischer Fachwerkstädte“. Man erkennt zunehmend den Wert der eigenen Geschichte als Potenzial für die Zukunft. Das zeigt sich auch im August, als sich im Hotel „Zum Stern“ der „Förderkreis Büdingen“ formiert. Unter dem Vorsitz des Drogisten Bernd Ullmann will der Kreis den Tourismus ankurbeln und wartet im November direkt mit einer spektakulären Forderung auf: Ein Stausee im Rinderbügener Tal soll neue Urlauber in die Region locken. Dass Büdingen ohnehin ein attraktiver Wohn- und Lebensort ist, bestätigt der ADAC bereits im Juni, als er die Stadt zu einem der 191 besonders kinderfreundlichen Orte im Bundesgebiet kürt.
Kultur, Jubiläen und ein Hauch Weltgeschichte
Auch kulturell hat das Jahr 1976 viel zu bieten. Ein absoluter Höhepunkt ist die 375-Jahr-Feier des Wolfgang-Ernst-Gymnasiums, die Ende August mit einem großen Festakt, Ehrengästen und einer eigenen Festschrift begangen wird. Wenig später präsentiert der Geschichtsverein im Heuson-Museum eine vielbeachtete Wanderausstellung zur amerikanischen Revolution.
Es ist zudem ein Jahr der Musik und der Geselligkeit: Das „Männerquartett“ feiert sein 50-jähriges Bestehen, und der Gesangverein „Liederkranz“ weiht im Oktober voller Stolz das ehemalige fürstliche Schießhaus als sein neues Sängerheim ein. Legendär dürfte auch das 100-jährige Jubiläum des Gasthauses „Bleffe“ im November gewesen sein, zu dem Gäste aus Politik und lokaler Wirtschaft anstoßen. Ein kleiner Wermutstropfen für den Lokalpatriotismus ist lediglich der Städtekampf im Hessischen Rundfunk: Bei der Sendung „1:0 für meine Stadt“ unterliegt Büdingen der Stadt Haiger denkbar knapp mit 69 zu 70 Punkten.
Neben diesen festlichen Ereignissen berührt auch die große Weltgeschichte den Büdinger Alltag. Der „Fischerhof“, dessen psychosomatische Klinik im Februar ihre Pforten schließen musste, wird im Juli zu einer provisorischen Heimat für kurdische Flüchtlinge. Auf ihrer Durchreise von Persien in die USA werden sie hier untergebracht und vom amerikanischen Generalkonsulat registriert – ein stiller Moment der Menschlichkeit in einer bewegten Zeit.
So schließt sich das Jahr 1976 für Büdingen: Ein Jahr, in dem wichtige Weichen gestellt, historische Jubiläen gefeiert und verdiente Persönlichkeiten, wie der langjährige Kreistagsvorsitzende Friedrich Lau, gewürdigt wurden.
Aus der Chronik Büdingens von Dr. Volkmar Stein. Erstellt mit KI-Unterstützung.