Der Transkribierer. Leiden und Freuden eines Inschriftentüftlers.

Der Transkribierer. Leiden und Freuden eines Inschriftentüftlers. Der Transkribierer = Johannes Reiss. Jüdische Friedhöfe, hebräische Grabinschriften, Transkriptionen Dezember 2023 in Pension.

Der Transkribierer = Johannes Reiss, geb. 1959, Studium aus Judaistik und Altsemitische Philologie und orientalische Archäologie, von 1988 bis 13. Juni 2023 Geschäftsführer und Leiter des Österreichischen Jüdischen Museums in Eisenstadt und seit 1. Spezialgebiet: Transkription und Übersetzung hebräischer Grabinschriften.

Der jüdische Friedhof ist auch in Frauenkirchen ein letzter für alle sichtbarer Rest einer ehemaligen langen und bedeute...
17/06/2026

Der jüdische Friedhof ist auch in Frauenkirchen ein letzter für alle sichtbarer Rest einer ehemaligen langen und bedeutenden jüdischen Geschichte des Ortes.

Nach 1945 war es Theresia Ehmann, die den Friedhof pflegte, den Schlüssel verwahrte und sogar heldenhaft verhinderte, dass der jüdische Friedhof von einem aus Deutschland angereisten Steinmetz, der die Grabsteine abtransportieren wollte, zerstört werde.

Hören Sie im Podcast von Dr. Sepp Gmasz Theresia Ehmann mit ihren Erinnerungen an jüdische Begräbnisse...

Allen Zuhörerinnen und Zuhörern aus Deutschland leiste ich bei Bedarf gerne Transkriptionshilfe ;-)

Vielleicht haben Sie auch Lust, den einen oder anderen Podcast des burgenländischen Volksliedwerks zu hören, wie zum Beispiel über den speziellen Dialekt der Region (das Hianzisch): https://bvlw.at/podcast/

Hier der Podcast mit Theresia Ehmann:

https://bvlw.at/wp-content/uploads/2025/11/23-Vom-Koschatn-und-der-Kria-%E2%80%93-Begraebnisrituale-der-einstigen-Judengemeinde-von-Frauenkirchen.mp3

Die 21-jährige Kylie sucht und besucht ihre Vorfahren in Kobersdorf.Meine sicher ehrenvollste, wichtigste und mich am me...
24/05/2026

Die 21-jährige Kylie sucht und besucht ihre Vorfahren in Kobersdorf.

Meine sicher ehrenvollste, wichtigste und mich am meisten glücklich machende Arbeit ist, Nachfahren von Jüdinnen und Juden einer der ehemaligen jüdischen Gemeinden die Gräber und Grabsteine ihrer Vorfahren zu suchen und zeigen zu dürfen.

Heute kam Familie Holzer aus New York nach Kobersdorf. Wir kennen einander seit Jahren und haben einander schon in Kobersdorf und 2019 sogar in Cleveland (Ohio) getroffen. Diesmal kamen Samuel und Irene Holzer mit ihrer Nichte Kylie, die kürzlich ihr Studium erfolgreich beendet hatte und den Ort, an dem ihre Vorfahren über viele Generationen lebten, noch nicht kannte.

Den Besuch in Kobersdorf begannen wir in der prachtvoll renovierten ehemaligen Synagoge, die die Familie das erste Mal sehen durfte. Samuel Holzer betonte sehr glücklich zu sein, dass dieser Ort, an dem seine Ur…urgroßeltern gebetet und geheiratet haben, so prachtvoll renoviert wurde und an die jüdische Geschichte des Ortes und damit auch an seine Familie erinnert.

Nach dem Besuch der ehemaligen Synagoge fuhren wir zum jüdischen Friedhof, der sich auch heute in der Mittagssonne in einer atemberaubenden Stimmung präsentierte.
Wir gingen sofort nach oben zum Grabstein von Samuel Holzers Urgroßvater Salomon Holzer, dem Sohn von Nathan Holzer, gestorben an Simchat Tora, umgerechnet am 2. Oktober 1934.

Danach besuchten wir auch die meisten der anderen Vorfahren der Familie wie David Holzer und Kylie glänzte beim Umrechnen vom jüdischen ins bürgerliche Datum mit brillanten Rechenkünsten. Kein Wunder, sie hatte auch einen Abschluss in Technik ;-)

Die große Überraschung kam aber ganz am Schluss, also wir schon am Weg runter zum Tor waren, wo links und rechts an der Mauer die umgefallenen Grabsteine und Grabsteinfragmente aufgestellt sind.

Tatsächlich sehe ich nun beim Hinuntergehen noch einen Grabstein der Familie Holzer, dessen Inschrift eben durch das “an die Mauer Lehnen” wieder sichtbar wurde und ich demnächst bearbeiten kann: Michle Holzer, die Ehefrau von Anton (Todros) Holzer, Halbbruder von Samuel Holzers Urgroßvater Salomon, gest. 20. Mai 1920. Michle starb am 30. Av 662, das ist der erste Neumondtag des Monats Elul, umgerechnet, der 2. September 1902.

Familie Holzer war sehr glücklich über den überraschenden Fund und wir hoffen alle, einander bald wieder zu treffen, sehr wahrscheinlich in Kobersdorf und nicht in den USA…

https://der-transkribierer.at/genealogie/kylie-suchte-und-besuchte-ihre-vorfahren/

Zwei Tage nach dem jüdischen Friedhof Mödling besuchten wir (E. Randol Schoenberg und Traude Triebel) die drei jüdischen...
04/05/2026

Zwei Tage nach dem jüdischen Friedhof Mödling besuchten wir (E. Randol Schoenberg und Traude Triebel) die drei jüdischen Friedhöfe im Seewinkel: Gattendorf, Kittsee und Frauenkirchen.

Es waren 300 Kilometer, die wir trotzdem entspannt abspulten, was wir der entschleunigenden Gegend verdanken. Flach und eben, in der Nähe von Frauenkirchen viele Windräder und Sonne den ganzen Tag (pannonische Tiefebene halt).

Unser erstes Ziel war Gattendorf, das einst jüdische קאטנדארף “Kottendorf”. Eine ehemals jüdische Gemeinde, die es seit dem frühen 18. Jahrhundert gab, die aber heute, was die Aufmerksamkeit auf sie betrifft, immer wieder sehr stiefmütterlich behandelt wird.

Herrn Dr. Klaus Derks, dem langjährigen Gemeindearzt von Gattendorf verdanken wir die gründlich recherchierte und umfangreiche Monografie über die jüdische Gemeinde Gattendorf.

Dr. Derks ist es auch, der mit uns zum jüdischen Friedhof fährt, der, am Rande der Ortschaft gelegen, vielleicht ein wenig schwer zu finden ist. Auf der Fahrt zum Friedhof genießen wir noch eine Führung durch das ehemalige jüdische Gattendorf: das einzige noch vorhandene jüdische Haus, der Platz, an dem bis 1996 die Synagoge bzw. das verfallene Gebäude der ehemaligen Synagoge stand, das 1996 dann geschleift wurde. Sicher keine Sternstunde fürs Burgenland, was den Umgang mit dem jüdischen Erbe betrifft.
Beim Friedhof angelangt, treffen wir auf den Historiker, Autor und Organisator von Barockmusikkonzerten, Roman Kriszt, der uns ab nun begleiten wird.

Nach Gattendorf führte uns Roman Kriszt zum Dreiländereck, jenen historischen Ort “am östlichsten Ende des westlichen Europa” (Zitat Dr. Klaus Derks), an dem Österreich, Ungarn und die Slowakei aufeinandertreffen.

Danach ging’s weiter nach Kittsee. Danke Frau Direktor a. D. Irmgard Jurkovics, die uns den Zugang zum Friedhof ermöglichte.

Am Weg zum Friedhof kamen wir auch an jenem Haus vorbei, das 2021 von Gerhard Ströck, weil es das Stammhaus seines Bäckereiunternehmens ist, gekauft wurde. An diesem Haus befindet sich auch die Tafel, dass es sich um das Geburtshaus des Komponisten und Violinisten Josef Joachim handeln würde. Ist es aber nicht. Weil das Haus aber schöner war als das tatsächliche Geburtshaus von Joachim, brachte man kurzerhand die Tafel hier an diesem Haus an. Daher stimmt das Bild vom Geburtshaus des Komponisten im verlinkten Wikipedia-Artikel auch nicht!

Der jüdische Friedhof Kittsee liegt im “Schatten des Schlosses”, was gleich beim Betreten augenscheinlich wird. Die Grabsteine sind leider zum größten Teil nicht mehr lesbar und obwohl die Gemeinde Kittsee wohl für uns Wege am Friedhof gemäht hat, war das Gras dort, wo nicht gemäht war, so hoch, dass ich an diesem Tag trotz intensiven Bemühens den Grabstein von Ascher Anschel, dem Illustrator der berühmten Kittsee-Haggda, nicht finden konnte.

Nach Kittsee ging es weiter zum dritten jüdischen Friedhof, nach Frauenkirchen. Danke Dr. Herbert Brettl für die Beschaffung des Friedhofschlüssels! Historiker Herbert Brettl ist auch der Autor des Buches “Die jüdische Gemeinde von Frauenkirchen פראוענקירכן, 3. Auflage 2016, ein “Must-read-book”.

Der Friedhof ist der mit Abstand größte jüdische Friedhof von den drei Friedhöfen, die wir an diesem Tag besuchten und er ist, so wie übrigens der jüdische Friedhof von Gattendorf, aufgeschüttet. Das bedeutet, dass unter der heute sichtbaren Gräberschicht sich zumindest noch eine ältere Gräberschicht befindet. Aufschüttungen werden üblicherweise möglichst vermieden, aber wenn es keine Möglichkeit gibt, neues Friedhofsgelände zu erwerben (nota bene: ein jüdischer Friedhof ist immer für die Ewigkeit angelegt und darf nicht aufgelassen werden), wenn ein Friedhof voll belegt ist, gibt es manchmal keine andere Möglichkeit. Prominente Beispiele sind etwa der jüdische Friedhof von Prag oder von Bratislava. Sowohl in Gattendorf als auch in Frauenkirchen ist das Areal, wo aufgeschüttet wurde, durch die Erhebungen deutlich zu erkennen.

Die Sonne, die vielen Kilometer und Schritte auf den ersten beiden Friedhöfen machten sich jetzt leider ein wenig bemerkbar und alle in der Gruppe wurden langsam müde. Daher bekam der jüdische Friedhof von Frauenkirchen nicht mehr ganz die Aufmerksamkeit, die er verdienen würde.

Und so machten wir uns am späten Nachmittag langsam auf die Heimreise…

https://der-transkribierer.at/religion-und-kultur/die-drei-juedischen-friedhoefe-im-seewinkel/

Schabbat Schalom, heute vom jüdischen Friedhof in Mödling! Wenn allerorts die Maibäume aufgestellt werden, besuchten wir...
01/05/2026

Schabbat Schalom, heute vom jüdischen Friedhof in Mödling!
Wenn allerorts die Maibäume aufgestellt werden, besuchten wir mit Randy Schönberg heute den jüdischen Friedhof Mödling.

Mödling besaß seit 1345 das Marktrecht, etwa um diese Zeit haben sich die ersten Juden im Ort angesiedelt. Im mittelalterlichen Mödling dürften etwa 60 Jüdinnen und Juden gelebt haben, sehr wahrscheinlich gab es auch damals bereits einen jüdischen Friedhof, der wohl als Vorgängerfriedhof des heutigen bezeichnet werden darf, zumal er örtlich ganz in der Nähe gelegen sein dürfte.

Der heute existierende jüdische Friedhof in Mödling wurde 1876 errichtet, grenzt an den Friedhof der Stadt Mödling an und umfasst über 3.000 m2. Bis 1938 wurden 373 Jüdinnen und Juden aus Mödling und den umliegenden Ortschaften auf diesem Friedhof begraben.

Nicht genug gedankt werden kann Frau Barbara Schildboeck, bis 1. September 2024 evangelische Pfarrerin in Hartberg (Steiermark), die schon vor fast 40 Jahren (!), im Sommer 1987 im Rahmen ihrer Diplomarbeit alle Inschriften des jüdischen Friedhofes transkribierte und die hebräischen Inschriften danach übersetzte und kommentierte. Ihre umfassende Dokumentation des Friedhofes ist eine akribische Arbeit von enormem Wert, nicht alleine deshalb, weil die Grabsteine im Laufe der Jahre auch auf diesem Friedhof immer mehr verfallen und die Inschriften zunehmend schlechter lesbar sind.

Vielen Dank an Mag. Gerhard Wannemacher und Dr. Christian Matzner vom Verein zur Zeitgeschichte Mödling, die uns nicht nur den Friedhofsbesuch, sondern auch den Besuch des Museums Mödling, wo es eine kleine jüdische Abteilung gibt, möglich machten.

Der jüdische Friedhof präsentiert sich heute leider in höchstem Maße unwirtlich, hohes Gras und Gestrüpp machten es unmöglich, manche Grabsteine bzw. ihre Inschriften sehen zu können.

https://der-transkribierer.at/religion-und-kultur/am-juedischen-friedhof-moedling/

Ein weder datiertes noch signiertes Aquarell in der Österreichischen Nationalbibliothek zeigt den ältesten jüdischen Fri...
29/04/2026

Ein weder datiertes noch signiertes Aquarell in der Österreichischen Nationalbibliothek zeigt den ältesten jüdischen Friedhof von Wien: jenen in der Rossau, der bis 1783 Hauptbegräbnisstätte der jüdischen Gemeinde Wiens war. Dabei wurde dieser Friedhof erst im 16. Jahrhundert angelegt, sicher in Verwendung war er seit 1582: in diesem Jahr starb Ester, Tochter des Akiba. 1783 wurden auf Geheiß von Kaiser Josef II alle Friedhöfe innerhalb der Vorstädte geschlossen, der Nachfolgefriedhof für die jüdische Gemeinde wurde der jüdische Friedhof Währing, der außerhalb der Stadtmauern lag.

Es gibt - wenig überraschend - sehr viele Verbindungen zwischen diesem ältesten jüdischen Friedhof in Wien und den burgenländischen jüdischen Friedhöfen. Der große Bibliothekar der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Dr. Bernhard Wachstein, publizierte 1912ff sein Mammutwerk "Die Inschriften des Alten Judenfriedhofes in Wien, 1922 folgte dann seine Publikation über den älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt.

Auf dem ältesten jüdischen Friedhof in Wien befindet sich auch der Marmorsarkophag von Rabbi Simson ben Josef Josel Wertheim, dem ungarischen Landesrabbiner, der 1684 als Hoffaktor nach Wien gekommen war. Das wohl schönste und beeindruckendste Grabmal auf diesem Friedhof.

derStandard.at/Web: danke für den wirklich informativen und schönen Artikel!

https://www.derstandard.at/story/3000000317500/juedisches-erbe-in-wien-der-friedhof-in-der-rossau

"Über den guten jungen Mann, der hier ruht, stimmt an Klagen und Wehgeschrei!Wahrheit und Güte säte er auf die Furchen s...
13/04/2026

"Über den guten jungen Mann, der hier ruht, stimmt an Klagen und Wehgeschrei!
Wahrheit und Güte säte er auf die Furchen seines Herzens.
Schon in seiner Jugend ließen seine Blüten erahnen, welche Früchte er später tragen würde.
Nun genießt er im ewigen Leben die Frucht seiner guten Taten."

Obwohl ich seit 34 Jahren praktisch täglich hebräische Grabinschriften transkribiere, bearbeite, übersetze, kommentiere und online stelle, habe ich bisher ein sehr wichtiges Element der hebräischen Grabinschriftenpoesie praktisch völlig ausgeblendet und vernachlässigt: Den Reim!

David Lichtenstadt, ein junger Mann, der mit 14 Jahren in Wien starb als Sohn eines Traiteurs, also eines Gastwirtes in gehobener Umgebung (wie Felix Czeikes in seinem Historischen Lexikon Wien schreibt). David Lichtenstadt ist am jüdischen Friedhof Währing in Wien begraben.

Schon der beeindruckend große und schöne weiße Marmorgrabstein des Kindes unterscheidet sich von den meisten Kindergräbern deutlich, kann aber vielleicht doch mit dem urbanen und besonders dem familiären Umfeld des Verstorbenen erklärt werden.

Besonders auffällig aber ist die rein hebräische Grabinschrift. Der sogenannte "Lobteil" der Inschrift, die Eulogie, umfasst 4 Zeilen, die im Kreuzreim (Wechselreim: a-b-a-b) abgefasst sind und die wir jedenfalls als literarisch hochwertige Inschrift mit sauber komponierter metrisch-poetischer Struktur bezeichnen dürfen, Bildersprache (säen, Acker des Herzens...), Elemente aus der rabbinischen Dialektik und klassisch-biblisch-poetische Suffixformen inklusive.

Reime finden wir in sehr vielen hebräischen Grabinschriften, bei David Lichtenstadt half mir der Kreuzreim besonders bei der korrekten Lesung des Schlusswortes von Zeile 6. Die Lehre aus der Geschichte: Das Stilmittel Reim darf auch als Lesehilfe nie unterschätzt werden...

https://der-transkribierer.at/juedischer-friedhof-waehring/lichtenstadt-david-18-september-1809/

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