Der Transkribierer. Leiden und Freuden eines Inschriftentüftlers.

Der Transkribierer. Leiden und Freuden eines Inschriftentüftlers. Der Transkribierer = Johannes Reiss. Jüdische Friedhöfe, hebräische Grabinschriften, Transkriptionen Dezember 2023 in Pension.

Der Transkribierer = Johannes Reiss, geb. 1959, Studium aus Judaistik und Altsemitische Philologie und orientalische Archäologie, von 1988 bis 13. Juni 2023 Geschäftsführer und Leiter des Österreichischen Jüdischen Museums in Eisenstadt und seit 1. Spezialgebiet: Transkription und Übersetzung hebräischer Grabinschriften.

Die 21-jährige Kylie sucht und besucht ihre Vorfahren in Kobersdorf.Meine sicher ehrenvollste, wichtigste und mich am me...
24/05/2026

Die 21-jährige Kylie sucht und besucht ihre Vorfahren in Kobersdorf.

Meine sicher ehrenvollste, wichtigste und mich am meisten glücklich machende Arbeit ist, Nachfahren von Jüdinnen und Juden einer der ehemaligen jüdischen Gemeinden die Gräber und Grabsteine ihrer Vorfahren zu suchen und zeigen zu dürfen.

Heute kam Familie Holzer aus New York nach Kobersdorf. Wir kennen einander seit Jahren und haben einander schon in Kobersdorf und 2019 sogar in Cleveland (Ohio) getroffen. Diesmal kamen Samuel und Irene Holzer mit ihrer Nichte Kylie, die kürzlich ihr Studium erfolgreich beendet hatte und den Ort, an dem ihre Vorfahren über viele Generationen lebten, noch nicht kannte.

Den Besuch in Kobersdorf begannen wir in der prachtvoll renovierten ehemaligen Synagoge, die die Familie das erste Mal sehen durfte. Samuel Holzer betonte sehr glücklich zu sein, dass dieser Ort, an dem seine Ur…urgroßeltern gebetet und geheiratet haben, so prachtvoll renoviert wurde und an die jüdische Geschichte des Ortes und damit auch an seine Familie erinnert.

Nach dem Besuch der ehemaligen Synagoge fuhren wir zum jüdischen Friedhof, der sich auch heute in der Mittagssonne in einer atemberaubenden Stimmung präsentierte.
Wir gingen sofort nach oben zum Grabstein von Samuel Holzers Urgroßvater Salomon Holzer, dem Sohn von Nathan Holzer, gestorben an Simchat Tora, umgerechnet am 2. Oktober 1934.

Danach besuchten wir auch die meisten der anderen Vorfahren der Familie wie David Holzer und Kylie glänzte beim Umrechnen vom jüdischen ins bürgerliche Datum mit brillanten Rechenkünsten. Kein Wunder, sie hatte auch einen Abschluss in Technik ;-)

Die große Überraschung kam aber ganz am Schluss, also wir schon am Weg runter zum Tor waren, wo links und rechts an der Mauer die umgefallenen Grabsteine und Grabsteinfragmente aufgestellt sind.

Tatsächlich sehe ich nun beim Hinuntergehen noch einen Grabstein der Familie Holzer, dessen Inschrift eben durch das “an die Mauer Lehnen” wieder sichtbar wurde und ich demnächst bearbeiten kann: Michle Holzer, die Ehefrau von Anton (Todros) Holzer, Halbbruder von Samuel Holzers Urgroßvater Salomon, gest. 20. Mai 1920. Michle starb am 30. Av 662, das ist der erste Neumondtag des Monats Elul, umgerechnet, der 2. September 1902.

Familie Holzer war sehr glücklich über den überraschenden Fund und wir hoffen alle, einander bald wieder zu treffen, sehr wahrscheinlich in Kobersdorf und nicht in den USA…

https://der-transkribierer.at/genealogie/kylie-suchte-und-besuchte-ihre-vorfahren/

Zwei Tage nach dem jüdischen Friedhof Mödling besuchten wir (E. Randol Schoenberg und Traude Triebel) die drei jüdischen...
04/05/2026

Zwei Tage nach dem jüdischen Friedhof Mödling besuchten wir (E. Randol Schoenberg und Traude Triebel) die drei jüdischen Friedhöfe im Seewinkel: Gattendorf, Kittsee und Frauenkirchen.

Es waren 300 Kilometer, die wir trotzdem entspannt abspulten, was wir der entschleunigenden Gegend verdanken. Flach und eben, in der Nähe von Frauenkirchen viele Windräder und Sonne den ganzen Tag (pannonische Tiefebene halt).

Unser erstes Ziel war Gattendorf, das einst jüdische קאטנדארף “Kottendorf”. Eine ehemals jüdische Gemeinde, die es seit dem frühen 18. Jahrhundert gab, die aber heute, was die Aufmerksamkeit auf sie betrifft, immer wieder sehr stiefmütterlich behandelt wird.

Herrn Dr. Klaus Derks, dem langjährigen Gemeindearzt von Gattendorf verdanken wir die gründlich recherchierte und umfangreiche Monografie über die jüdische Gemeinde Gattendorf.

Dr. Derks ist es auch, der mit uns zum jüdischen Friedhof fährt, der, am Rande der Ortschaft gelegen, vielleicht ein wenig schwer zu finden ist. Auf der Fahrt zum Friedhof genießen wir noch eine Führung durch das ehemalige jüdische Gattendorf: das einzige noch vorhandene jüdische Haus, der Platz, an dem bis 1996 die Synagoge bzw. das verfallene Gebäude der ehemaligen Synagoge stand, das 1996 dann geschleift wurde. Sicher keine Sternstunde fürs Burgenland, was den Umgang mit dem jüdischen Erbe betrifft.
Beim Friedhof angelangt, treffen wir auf den Historiker, Autor und Organisator von Barockmusikkonzerten, Roman Kriszt, der uns ab nun begleiten wird.

Nach Gattendorf führte uns Roman Kriszt zum Dreiländereck, jenen historischen Ort “am östlichsten Ende des westlichen Europa” (Zitat Dr. Klaus Derks), an dem Österreich, Ungarn und die Slowakei aufeinandertreffen.

Danach ging’s weiter nach Kittsee. Danke Frau Direktor a. D. Irmgard Jurkovics, die uns den Zugang zum Friedhof ermöglichte.

Am Weg zum Friedhof kamen wir auch an jenem Haus vorbei, das 2021 von Gerhard Ströck, weil es das Stammhaus seines Bäckereiunternehmens ist, gekauft wurde. An diesem Haus befindet sich auch die Tafel, dass es sich um das Geburtshaus des Komponisten und Violinisten Josef Joachim handeln würde. Ist es aber nicht. Weil das Haus aber schöner war als das tatsächliche Geburtshaus von Joachim, brachte man kurzerhand die Tafel hier an diesem Haus an. Daher stimmt das Bild vom Geburtshaus des Komponisten im verlinkten Wikipedia-Artikel auch nicht!

Der jüdische Friedhof Kittsee liegt im “Schatten des Schlosses”, was gleich beim Betreten augenscheinlich wird. Die Grabsteine sind leider zum größten Teil nicht mehr lesbar und obwohl die Gemeinde Kittsee wohl für uns Wege am Friedhof gemäht hat, war das Gras dort, wo nicht gemäht war, so hoch, dass ich an diesem Tag trotz intensiven Bemühens den Grabstein von Ascher Anschel, dem Illustrator der berühmten Kittsee-Haggda, nicht finden konnte.

Nach Kittsee ging es weiter zum dritten jüdischen Friedhof, nach Frauenkirchen. Danke Dr. Herbert Brettl für die Beschaffung des Friedhofschlüssels! Historiker Herbert Brettl ist auch der Autor des Buches “Die jüdische Gemeinde von Frauenkirchen פראוענקירכן, 3. Auflage 2016, ein “Must-read-book”.

Der Friedhof ist der mit Abstand größte jüdische Friedhof von den drei Friedhöfen, die wir an diesem Tag besuchten und er ist, so wie übrigens der jüdische Friedhof von Gattendorf, aufgeschüttet. Das bedeutet, dass unter der heute sichtbaren Gräberschicht sich zumindest noch eine ältere Gräberschicht befindet. Aufschüttungen werden üblicherweise möglichst vermieden, aber wenn es keine Möglichkeit gibt, neues Friedhofsgelände zu erwerben (nota bene: ein jüdischer Friedhof ist immer für die Ewigkeit angelegt und darf nicht aufgelassen werden), wenn ein Friedhof voll belegt ist, gibt es manchmal keine andere Möglichkeit. Prominente Beispiele sind etwa der jüdische Friedhof von Prag oder von Bratislava. Sowohl in Gattendorf als auch in Frauenkirchen ist das Areal, wo aufgeschüttet wurde, durch die Erhebungen deutlich zu erkennen.

Die Sonne, die vielen Kilometer und Schritte auf den ersten beiden Friedhöfen machten sich jetzt leider ein wenig bemerkbar und alle in der Gruppe wurden langsam müde. Daher bekam der jüdische Friedhof von Frauenkirchen nicht mehr ganz die Aufmerksamkeit, die er verdienen würde.

Und so machten wir uns am späten Nachmittag langsam auf die Heimreise…

https://der-transkribierer.at/religion-und-kultur/die-drei-juedischen-friedhoefe-im-seewinkel/

Schabbat Schalom, heute vom jüdischen Friedhof in Mödling! Wenn allerorts die Maibäume aufgestellt werden, besuchten wir...
01/05/2026

Schabbat Schalom, heute vom jüdischen Friedhof in Mödling!
Wenn allerorts die Maibäume aufgestellt werden, besuchten wir mit Randy Schönberg heute den jüdischen Friedhof Mödling.

Mödling besaß seit 1345 das Marktrecht, etwa um diese Zeit haben sich die ersten Juden im Ort angesiedelt. Im mittelalterlichen Mödling dürften etwa 60 Jüdinnen und Juden gelebt haben, sehr wahrscheinlich gab es auch damals bereits einen jüdischen Friedhof, der wohl als Vorgängerfriedhof des heutigen bezeichnet werden darf, zumal er örtlich ganz in der Nähe gelegen sein dürfte.

Der heute existierende jüdische Friedhof in Mödling wurde 1876 errichtet, grenzt an den Friedhof der Stadt Mödling an und umfasst über 3.000 m2. Bis 1938 wurden 373 Jüdinnen und Juden aus Mödling und den umliegenden Ortschaften auf diesem Friedhof begraben.

Nicht genug gedankt werden kann Frau Barbara Schildboeck, bis 1. September 2024 evangelische Pfarrerin in Hartberg (Steiermark), die schon vor fast 40 Jahren (!), im Sommer 1987 im Rahmen ihrer Diplomarbeit alle Inschriften des jüdischen Friedhofes transkribierte und die hebräischen Inschriften danach übersetzte und kommentierte. Ihre umfassende Dokumentation des Friedhofes ist eine akribische Arbeit von enormem Wert, nicht alleine deshalb, weil die Grabsteine im Laufe der Jahre auch auf diesem Friedhof immer mehr verfallen und die Inschriften zunehmend schlechter lesbar sind.

Vielen Dank an Mag. Gerhard Wannemacher und Dr. Christian Matzner vom Verein zur Zeitgeschichte Mödling, die uns nicht nur den Friedhofsbesuch, sondern auch den Besuch des Museums Mödling, wo es eine kleine jüdische Abteilung gibt, möglich machten.

Der jüdische Friedhof präsentiert sich heute leider in höchstem Maße unwirtlich, hohes Gras und Gestrüpp machten es unmöglich, manche Grabsteine bzw. ihre Inschriften sehen zu können.

https://der-transkribierer.at/religion-und-kultur/am-juedischen-friedhof-moedling/

Ein weder datiertes noch signiertes Aquarell in der Österreichischen Nationalbibliothek zeigt den ältesten jüdischen Fri...
29/04/2026

Ein weder datiertes noch signiertes Aquarell in der Österreichischen Nationalbibliothek zeigt den ältesten jüdischen Friedhof von Wien: jenen in der Rossau, der bis 1783 Hauptbegräbnisstätte der jüdischen Gemeinde Wiens war. Dabei wurde dieser Friedhof erst im 16. Jahrhundert angelegt, sicher in Verwendung war er seit 1582: in diesem Jahr starb Ester, Tochter des Akiba. 1783 wurden auf Geheiß von Kaiser Josef II alle Friedhöfe innerhalb der Vorstädte geschlossen, der Nachfolgefriedhof für die jüdische Gemeinde wurde der jüdische Friedhof Währing, der außerhalb der Stadtmauern lag.

Es gibt - wenig überraschend - sehr viele Verbindungen zwischen diesem ältesten jüdischen Friedhof in Wien und den burgenländischen jüdischen Friedhöfen. Der große Bibliothekar der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Dr. Bernhard Wachstein, publizierte 1912ff sein Mammutwerk "Die Inschriften des Alten Judenfriedhofes in Wien, 1922 folgte dann seine Publikation über den älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt.

Auf dem ältesten jüdischen Friedhof in Wien befindet sich auch der Marmorsarkophag von Rabbi Simson ben Josef Josel Wertheim, dem ungarischen Landesrabbiner, der 1684 als Hoffaktor nach Wien gekommen war. Das wohl schönste und beeindruckendste Grabmal auf diesem Friedhof.

derStandard.at/Web: danke für den wirklich informativen und schönen Artikel!

https://www.derstandard.at/story/3000000317500/juedisches-erbe-in-wien-der-friedhof-in-der-rossau

"Über den guten jungen Mann, der hier ruht, stimmt an Klagen und Wehgeschrei!Wahrheit und Güte säte er auf die Furchen s...
13/04/2026

"Über den guten jungen Mann, der hier ruht, stimmt an Klagen und Wehgeschrei!
Wahrheit und Güte säte er auf die Furchen seines Herzens.
Schon in seiner Jugend ließen seine Blüten erahnen, welche Früchte er später tragen würde.
Nun genießt er im ewigen Leben die Frucht seiner guten Taten."

Obwohl ich seit 34 Jahren praktisch täglich hebräische Grabinschriften transkribiere, bearbeite, übersetze, kommentiere und online stelle, habe ich bisher ein sehr wichtiges Element der hebräischen Grabinschriftenpoesie praktisch völlig ausgeblendet und vernachlässigt: Den Reim!

David Lichtenstadt, ein junger Mann, der mit 14 Jahren in Wien starb als Sohn eines Traiteurs, also eines Gastwirtes in gehobener Umgebung (wie Felix Czeikes in seinem Historischen Lexikon Wien schreibt). David Lichtenstadt ist am jüdischen Friedhof Währing in Wien begraben.

Schon der beeindruckend große und schöne weiße Marmorgrabstein des Kindes unterscheidet sich von den meisten Kindergräbern deutlich, kann aber vielleicht doch mit dem urbanen und besonders dem familiären Umfeld des Verstorbenen erklärt werden.

Besonders auffällig aber ist die rein hebräische Grabinschrift. Der sogenannte "Lobteil" der Inschrift, die Eulogie, umfasst 4 Zeilen, die im Kreuzreim (Wechselreim: a-b-a-b) abgefasst sind und die wir jedenfalls als literarisch hochwertige Inschrift mit sauber komponierter metrisch-poetischer Struktur bezeichnen dürfen, Bildersprache (säen, Acker des Herzens...), Elemente aus der rabbinischen Dialektik und klassisch-biblisch-poetische Suffixformen inklusive.

Reime finden wir in sehr vielen hebräischen Grabinschriften, bei David Lichtenstadt half mir der Kreuzreim besonders bei der korrekten Lesung des Schlusswortes von Zeile 6. Die Lehre aus der Geschichte: Das Stilmittel Reim darf auch als Lesehilfe nie unterschätzt werden...

https://der-transkribierer.at/juedischer-friedhof-waehring/lichtenstadt-david-18-september-1809/

Es war heuer schon mein dritter Hebräischkus und es war jetzt das dritte Bundesland seit Jahresbeginn. Gestern endete de...
23/03/2026

Es war heuer schon mein dritter Hebräischkus und es war jetzt das dritte Bundesland seit Jahresbeginn. Gestern endete der zweite Hebräischkurs in Wien, mitten in der ehemaligen Mazzesinsel, im Werd. Es war ein Anfänger:innenkurs, bei dem sieben Teilnehmer:innen in 4 Tagen Hebräisch lesen und schreiben lernten.

Den Hebräischkurs an diesem Ort zu halten bedeutet auch, dass die Geschichte dieses Ortes allgegenwärtig ist: Das ehemalige "Ghetto im Unteren Werd", das nach der Vertreibung der Juden durch Kaiser Leopold I. ihm zu Ehren in Leopoldstadt umbenannt wurde (auch die Synagoge wurde zerstört und an ihrer Stelle die Leopoldskirche errichtet in Dankbarkeit für die Judenvertreibung).

Gestern am Sonntag, dem letzten Tag des Kurses, besuchten wir den jüdischen Friedhof Währing, wo uns Mag. Wolf-Erich Eckstein empfing und uns eine ganz besondere Führung zuteil werden ließ. Besser geht es nicht, Wolf-Erich kennt wirklich jeden Stein auf diesem Friedhof, hat ihn dokumentiert, verzeichnet und katalogisiert.

Für die Teilnehmer:innen war es die Gelegenheit, das Erlernte in der Praxis anzuwenden: Sterbedaten zu erkennen und umzurechnen, die Namen etwa in Akrosticha zu erkennen und zu lesen, zu erfahren, wie man mit Kreide und Tuch manche Grabinschrift besser oder überhaupt erst lesbar machen kann usw.

Wir begannen beim ältesten Grabstein des Friedhofes, bei Simon Sinzheim, der am 14. April 1784 an "Abzehrung" starb, besuchten auch die Grabstätte des chassidischen Wunderrabbis Hirsch Landmann, der 1867 starb und um dessen Grabstelle sich so manch wundersame Legende rankt. Wolf-Erich Eckstein zeigte uns unter anderem aber auch das Grabmal des zweijährigen Samuel Oser, Sohn des türkischen Handelsmannes Abraham Oser. Das kleine Kind wurde am 28. August 1851 von einer Kutsche überfahren und starb. Auf dem Grabstein findet sich die Kutsche abgebildet, die freilich hier gar nicht “begraben” ist…

Es war ein schöner und würdiger Abschluss eines tollen Kurses, danke an alle, die teilgenommen haben, und ich freue mich auf weitere Hebräischstunden und Kurse :-)

https://der-transkribierer.at/religion-und-kultur/hebraeisch-auf-der-mazzesinsel-ii/

Schabbat Schalom aus dem Homeoffice ;-) und nach sehr langer Zeit wieder mit einer Grabinschrift vom jüdischen Friedhof ...
06/03/2026

Schabbat Schalom aus dem Homeoffice ;-) und nach sehr langer Zeit wieder mit einer Grabinschrift vom jüdischen Friedhof Währing:

Löb Hirschl Kohn, geboren um 1730 in Stampfen, das ist Stupova in der heutigen Westslowakei, Wollhändler und mit 78 Jahren in Wien im August 1808 gestorben.

Sein Grabstein ist ein sehr schöner und kostspieliger Marmorgrabstein, sein Sohn Samuel Kaan (sehr wahrscheinlich Schwiegersohn des in Eisenstadt 1775 begrabenen Joseph Samuel Irritz) spendete anlässlich des Ablebens seines Vaters 300 Gulden, immerhin (umgerechnet) die beträchtliche Summe von wahrscheinlich 30 - 40.000 Euro! Gut, in der hebräischen Grabinschrift des Vaters lesen wir von seinem großen Reichtum.

Diese ausschließlich hebräische Grabinschrift ist stolze 21 Zeilen lang und zieht, erlauben Sie mir es so zu formulieren, ziemlich alle Register: Zitiert wird vor allem aus der hebräischen Bibel bzw. genauer gesagt aus der rabbinischen Kommentarliteratur zu dieser: von Raschi (Rabbi Schlomo Jizchaki, 11. Jahrhundert) bis zum italienischen Rabbiner Obada ben Jacob Sforno (15./16. Jahrhundert). Neben den Zitaten aus den Psalmen, den Klageliedern oder dem Buch des Propheten Ezechiel finden sich auffällig viele Zitate aus der Isak-Geschichte im Buch Genesis.

So zum Beispiel Genesis 24,63, wo Isak aufs Feld hinausläuft, todtraurig, dass seine Mutter Sara gestorben und seine Braut Rebekka noch nicht bei ihm eingetroffen ist. Und Isak betet, ja, er fleht in seiner Traurigkeit inständig zu Gott. Die meisten Übersetzungen ins Deutsche tun sich recht schwer mit dieser Stelle, Luther übergeht sie überhaupt geflissentlich, andere können sich wenig mit dem hebräischen Wort für "inständig zu Gott flehen" anfangen. Die jüdischen Kommentatoren erklären es uns, die Verfasser der hebräischen Grabinschrift kennen diese Erklärungen.

Schließlich, und das finden wir in Grabinschriften nur sehr selten, ist der Gottesname gleich zweimal ganz speziell abgekürzt, nämlich mit zweimal der Buchstabe Jod und darunter das liegende Waw! Warum? Weil die Zahlenwerte von den beiden Jod und dem Waw 26 (10 + 10 + 6) ergibt, das ist exakt die Quersumme der Zahlenwerte des Tetragramms, jener 4 Buchstaben, mit denen der Eigenname Gottes in der hebräischen Bibel dargestellt wird.

Jedenfalls eine höchst spannende, schöne und wohl auch wirklich würdige Inschrift für den Wollhändler Hirschl Löb Kohn.

https://der-transkribierer.at/juedischer-friedhof-waehring/kohn-hirschl-loebl-23-24-august-1808/

Rettet den jüdischen Friedhof Währing

Familie Karadi aus Budapest besuchte heute mit mir die ehemalige Synagoge sowie den jüdischen Friedhof von Kobersdorf. A...
18/02/2026

Familie Karadi aus Budapest besuchte heute mit mir die ehemalige Synagoge sowie den jüdischen Friedhof von Kobersdorf.
Am späten Vormittag hatten wir Glück mit dem Wetter, der ohnehin beeindruckende Friedhof zeigte sich von seiner im wahrsten Sinn des Wortes sonnigsten Seite.

Die Familie sind Nachfahren der berühmten Rabbiner"dynastie" Alt, die David Eibnitz-Alt Anfang des 19. Jahrhunderts begründete.
Er war 43 Jahre lang Rabbiner der Gemeinde und damit einer am längsten dienenden Rabbiner in den ehemaligen jüdischen Gemeinden des heutigen Burgenlandes. Ihm folgte nach seinem Tod 1850 Rabbiner Abraham Zwebner nach, dessen Frau Leni (Rachel Lea), geb. Spitz, schon 1863 starb und in der Rabbinerreihe neben der Familie Alt begraben ist. Rabbiner Zwebner ging 1873 nach Jerusalem, wo er 1876 starb. Den Grabstein seiner Ehefrau ließ Rabbiner Moshe Walles, ein direkter Nachkomme von Rabbiner Zwebner, kürzlich renovieren, siehe dazu den Facebookbeitrag der Burgenländischen Forschungsgesellschaft.

Familie Karadi wusste zwar, dass Rabbiner David Alt, sein Sohn Rabbiner Eleasar Alt, gest. 1898 und dessen Sohn Mose sowie seine beiden Enkel am jüdischen Friedhof in Kobersdorf begraben sind.
Sie wussten aber nicht, dass ein Bruder der Kinder von Mose, Josua, der schon 1918 mit 34 Jahren starb, ebenfalls am jüdischen Friedhof von Kobersdorf begraben ist. Und Josua ist der leibliche Großvater der Familie.

Allerdings, Josua Alt liegt weit abseits der Alt-Familie und ich fand den Grabstein auch erst vor zwei Jahren mehr oder minder zufällig. Obwohl die Familie Alt damals offensichtlich wenig Wert darauf legte, dass Josua sozusagen im "Familienverband" begraben wird, findet sich in der hebräischen Inschrift sehr wohl die edle Herkunft des Verstorbenen ausführlich beschrieben: Großvater Eleasar, und Vater Mose, der beim frühen Ableben seine Sohnes noch lebt. Mose Alt starb 1934.

Es war für die Familie ein ausgesprochen berührender Augenblick, aber es war auch für mich wieder ein unbeschreiblich berührender und erfüllender Moment, als ich der Familie den Grabstein von Josua Alt zeigen konnte.

https://der-transkribierer.at/burgenland/juedischer-friedhof-kobersdorf/alt-eibnitz-david-05-april-1850/

https://der-transkribierer.at/burgenland/juedischer-friedhof-kobersdorf/alt-josua-07-dezember-1918/

https://der-transkribierer.at/burgenland/juedischer-friedhof-kobersdorf/zwebner-leni-20-maerz-1863/

https://www.facebook.com/burgenland1938/posts/pfbid0azR6RYC7KTiGd1QGjJjJHc7YdUcqzxg8oZYfTSxQUH8QcLeDqH2URUfuysFX1wRNl?__cft__[0]=AZbF2en03xyGrrGHqHeiYXR-pEy8SQgxlR76FS1XzFMoS0MY7i2q9Fprzrphe7CDX3MFmHcrlLutKAklKjpM1AGiC8r6jxIeS5_4g_nieqcsw7UsZXa9y0j138vvS9fEEiqfX0iYPzMC_iE9uS0xkcVlYJd1k7A4ztrvbxicj9sHaj-YYpwNt6dE4DoxnFiT4Ew&__tn__=%2CO%2CP-R

Schabbat Schalom, diesmal ausnahmsweise aus meinem geheizten Büro ;-)2026 ist zwar erst ein paar Wochen alt, aber es ist...
30/01/2026

Schabbat Schalom, diesmal ausnahmsweise aus meinem geheizten Büro ;-)

2026 ist zwar erst ein paar Wochen alt, aber es ist Zeit, die ersten Veranstaltungen zu planen.
Kurzum: Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mit mir einen jüdischen Friedhof besuchen, einen Spaziergang durch ein ehemaliges jüdisches Viertel machen oder an einem Hebräischkurs für Anfänger:innen teilnehmen.

Bei allen Friedhofsrundgängen sprechen wir auch über Brauchtum und Vorschriften rund um den Tod und das Begräbnis im Judentum, über faszinierende Symbole auf den Grabsteinen, über Frauen, die - so sagt uns die hebräische Grabinschrift - zuhause das Szepter innehatten und wir tauchen in die Blütezeit der jüdischen Gemeinden in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein, als manche Rabbiner über 50 Jahre ihres Amtes walteten. Aber wir erfahren auch die in den letzten Jahren ihrer Existenz dramatisch-traurige Geschichte von bedeutenden ehemaligen jüdischen Gemeinden im heutigen Burgenland.

Auf Wunsch machen wir gerne auch einen Spaziergang durch die jeweilige ehemalige jüdische Gemeinde: Meist gibt es in diesen ehemaligen Gemeinden nahezu keine sichtbaren Hinweise mehr auf eine jahrhundertelange jüdische Besiedlung. Und doch erzählen die Mauern in den ehemaligen Judengassen die Geschichte und die Geschichten ihrer 1938 vertriebenen und in der Schoa ermordeten Bewohner:innen.

Die nächsten Hebräischkurse für Anfänger:innen stehen vor der Tür: nächste Woche in Salzburg und im März in Wien sowie Ende Februar im Schloss Puchberg bei Wels dann ein Fortgeschrittenenkurs. Für alle Kurse können sich Schnellentschlossene noch anmelden. Die Links dazu finden Sie in meinem Blogartikel.

Ich würde mich sehr freuen, Sie / dich / euch bei der einen oder anderen Veranstaltung 2026 begrüßen zu dürfen.

https://der-transkribierer.at/kurse-rundgaenge-und-vortraege/

Sollten Sie bzw. solltet ihr beim Baumaufputzen oder während der Muße, die ich Ihnen und euch in den kommenden Feiertage...
22/12/2025

Sollten Sie bzw. solltet ihr beim Baumaufputzen oder während der Muße, die ich Ihnen und euch in den kommenden Feiertagen wünsche, ein wenig Zeit haben, gibt es ein neues Video über mich und meine Arbeit:

https://www.youtube.com/watch?v=Fc2oFeDtqK8&t=104s

Vielen lieben Dank an Sonja Wolfer und ihren unglaublich faszinierenden Podcast-Kanal "Schattenwispern" https://www.instagram.com/schatten.wispern/´, den ich allen sehr ans Herz lege.

In dieser Folge nimmt uns der Mann, der als "der Transkribierer" bekannt ist, mit auf eine besondere Art der Spurensuche: Gemeinsam mit dem Transkribierer Jo...

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