24/07/2026
Letzte Woche brannte der Dachstuhl eines Hauses am Werwolf, das schon lange leer stand und dem Verfall preisgegeben war. Es wurde 1924 von dem Ehepaar Dr. Ida und Dr. Walter Marcus gekauft. Beide waren 1923 nach Solingen gezogen. Am Werwolf 20 (damals Hauptstraße 53) gründeten sie eine Familie und betrieben ihre Kinderarztpraxis, bis sie 1938 wegen ihrer jüdischen Herkunft von den Nationalsozialisten aus Deutschland vertrieben wurden. Die Enkelin Karen Marcus schickte uns vor ein paar Jahren Nachkriegsaufnahmen des Hauses und Familienfotos.
Dr. Walter Marcus, der aus Essen stammte, war durch seine älteren Schwestern Toni Michelson und Lina Westheimer nach Solingen gekommen. Ihre Familien leiteten die Stahlwarenfabrik Michelson an der Malteserstraße. Dr. Ida Marcus war in Oxford geboren und in Prag aufgewachsen. Sie war Mitglied der „Liga für Menschenrechte“, der auch Albert Einstein angehörte. Ihr Vater, der Indologe und Sanskritforscher Prof. Moriz Winternitz, war mit dem Physiker befreundet gewesen. Die beiden Kinder Eva und Hans-Werner Marcus wurden 1925 und 1929 in Solingen geboren.
Die Beliebtheit von Dr. Walter Marcus lässt sich daran ermessen, dass auch Eltern aus Gräfrath mit ihren Kindern seine Praxis besuchten, obwohl sie nach 1933 von den Nationalsozialisten boykottiert wurde. Dafür gibt es ein bezeichnendes Beispiel. In dem antisemitischen Schmierblatt „Der Stürmer“, erschien im Februar 1936 eine primitive Denunziation des Pfarrers der Evangelischen Kirchengemeinde Gräfrath. Julius Roeßle wurde zwar namentlich nicht genannt, war aber eindeutig zu identifizieren. Der Wortlaut:
„Ein geistlicher Meckerer in Solingen. In Solingen-Gräfrath wohnt der evangelische Pfarrer Lic[ensiat] R. (Bekenntnispfarrer). Dieser Herr Pfarrer ist Mitglied der NSDAP, will aber vom Nationalsozialismus nicht viel wissen, denn er ist dauernd am Meckern. Dieser Herr Pfarrer läßt seine Kinder von einem Judenarzt (Marcus) behandeln. Wenn dieser Herr Pfarrer Nationalsozialist sein will, dann ist es die höchste Zeit, daß er die Judenfrage studiert und das Meckern aufhört.“ – „Der Stürmer“, Februar 1936
In Deutschland gab es laut der Volkszählung vom Juni 1933 5.557 jüdische Ärzte, nicht gerechnet die aus der jüdischen Gemeinde ausgetretenen oder zum Christentum konvertierten. Das waren 11 % aller deutschen Ärzte.
1936 wurde Dr. Walter Marcus die Kassenarztzulassung entzogen. 1937 erlaubte man ihm noch die Teilnahme an der Internationalen medizinischen Woche in Interlaken. 1938 verlor er schließlich seine Approbation. Da hatten er und seine Frau schon die Auswanderung vorangetrieben. In der Pogromnacht 1938 blieb ihr Haus verschont, weil sie bereits einen „arischen“ Käufer hatten, der sein künftiges Eigentum schützte. Dennoch wurde der Kinderarzt im Zuge der Pogromnacht verhaftet, nach Dachau deportiert und Mitte Dezember 1938 unter der Auflage freigelassen, Deutschland innerhalb von 14 Tagen zu verlassen. Da sie wegen der Kürze der Zeit kein Einreisevisum bekommen konnten, beantragten er und seine Frau Ida, die aufgrund ihrer Geburt in Oxford auch die britische Staatsangehörigkeit besaß, ein Besuchsvisum für Britisch-Palästina, um von dort über England in die USA zu gelangen.
In den USA konnte Walter Marcus, bis er 1943 eine Zusatzprüfung abgelegt hatte, keiner beruflichen Tätigkeit nachkommen und lebte so lange weitgehend von Einnahmen seiner Frau, die als Laborantin zunächst eine unterqualifizierte Arbeit fand. Mitte der 1940er Jahre bekamen beide die Möglichkeit am Thorek Hospital in Chicago zu arbeiten und gründeten später ein eigenes Labor, während Walter Marcus wieder eine eigene Praxis eröffnete.
Ida Marcus starb am 2. Dezember 1958 in Chicago an einer Lungenentzündung, die vermutlich die Folge einer Hirnentzündung war, die sie sich bei der Arbeit im Labor zugezogen hatte. Ihre Beisetzung fand unter großer Anteilnahme statt. Auch der Bürgermeister von Chicago, Richard J. Daley, trug sich ins Kondolenzbuch ein. Ihr Mann Walter heiratete nach ihrem Tod ein zweites Mal und starb am 28. Juli 1973, ebenfalls in Chicago.
Als die Tochter Eva 1968 eine Anfrage aus Solingen von Herbert Weber bekam, der an einer Dokumentation der Pogromnacht in Solingen arbeitete, schrieb sie ihm zurück, dass sie sich nicht an diese unglückliche Zeit erinnern wolle, die sie erfolgreich verdrängt habe.
„Es ist sehr schlimm, wenn Menschen die man kannte und traute, sich in eine wilde, unbeherrschte, irrsinnige Horde wandeln, der man nichts sagen kann, und die mit Wut alles zerstört und verbrennt. Viele andere Menschen haben auch selbst die Aufregung und Verzweiflung erfahren einen Vater oder Gatten im Konzentrationslager zu haben. Aber wie kann man der heutigen freien Jugend solche Tatsachen und Gefühle schildern? Es ist doch nur mehr alte Geschichte. Es tut mir wirklich leid, dass ich Ihnen nicht mehr Unterstützung geben kann, aber meine Erlebnisse bleiben am Besten vergessen.“ – Eva Cohn, geb. Marcus im September 1968
Fotos 1-4: Das Haus der Familie Marcus nach dem Krieg, Foto 5: Walter und Ida Marcus, Foto 6: John Marcus, Foto 7: Eva Marcus, Foto 8: Ida Marcus in ihrem Labor, Foto 9: Ausweis von Ida Marcus, Quelle: Karen I. Marcus, Abbildung 10: Berichterstattung Solinger Tageblatt zum Brand am Werwolf
https://max-leven-zentrum.de/2021JLID/juedische-aerzte-und-aerztinnen/