20/06/2025
Konterbogen
Wenn man Kleiderbügel sammelt, stößt man immer wieder auf eine heute weitgehend unbekannte Form des Hakens, die ich in meiner Nomenklatur als „Konterbogen“ bezeichne. Mein erster „aristokratischer“ Bügel ist ein Beispiel für diesen Typus. Grundsätzlich findet man solche Haken bei deutschen, amerikanischen und französischen Exemplaren aus der Zeit um 1900, sowie bei deutschen Schneidermeisterbügeln von den 1920ern bis in die 1960er. Jahre.
Aufschluß über die Frage nach dem Sinn und Zweck gibt u.a. ein Patent aus dem Jahr 1925, bei dem ein „Kleiderbügel mit gekröpften Haken“ eingetragen werden soll. Da heißt es, daß der „Kleiderbügel zum Aufhängen von Uniformen, Livree-Röcken oder Jacketts, dessen Aufhänger im Gegensatz zu dem einfachen Kleiderbügel (Abb. B) z.B. nach Abbildung A gekröpft ist, zum Zwecke, den Uniform- oder sonstigen Kragen in der Kröpfung bequem aufzunehmen, …“. Auch schreibt Günther Pieper, dessen Vater 1926 in Hameln eine Kleiderbügelfabrik gegründet hatte, sein Vater hätte sich „einen speziellen Artikel ausgesucht oder entwickelt, der vorwiegend von Schneidermeistern gekauft wurde. Dieser hatte wiederum einen besonderen Haken, den Patenthaken, doppelt gebogen, in den sich der Kragen, der über den Bügel hinausragte, hineinlegte und durch den eine Faltenbildung verhindert wurde.“ Der Vater soll sogar behauptet haben, diesen Haken erfunden zu haben, aber das glaube ich nicht so recht– dagegen sprechen die vielen bekannten Exemplare aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg.
Somit haben wir es letztlich mit einer „Kragenschutzvorrichtung“ zu tun, die natürlich besonders bei Schneidermeistern Sinn ergab, die dem Kunden einen tadellosen neuen Anzug gefällig präsentieren wollten. Anders wie in Frankreich, woher ich einige „zivile“ Belegstücke besitze, die wohl auch in „besseren“ Haushalten geschätzt wurden. Da gab es auch die seltenere Variante, bei der der Konterbogen von unten in den Bügelkörper eingreift, wobei aber beide Formen von Daniel Rozensztroch unter der Bezeichnung „Facon Bordeaux“ geführt werden (Cintres Hangers, Rozensztroch 2002).
Die Form des Hakens, die ich als Konterbogen bezeichne, kommt, soweit ich es also überblicken kann, gehäuft in vier Bereichen vor:
• frühe deutsche, französische und amerikanische Anzugbügel , etwa ab 1890 bis zum 1. Weltkrieg
Diese schweren Bügel aus kräftigem Draht („twisted wire“), sowie Draht- und Holzkombinationen konnten sich langfristig nicht durchsetzen und wurden von den wohl als „wärmer“ empfundenen Holzkonstruktionen verdrängt. Lediglich aus der DDR-Produktion sind mir derartige Modelle bis in die 1960er Jahre bekannt.
• französische Bügel für den privaten Gebrauch
in Frankreich legte man schon immer Wert auf tadellose Kleidung und daher auch auf eine sachgerechte Unterbringung der gerade nicht getragenen Garderobe. So beeindruckte mich vor wenigen Jahren die Bemerkung einer jungen Französin, die in einem Interview mit Studenten aus dem Ausland gefragt wurde, was für sie in Deutschland denn besonders auffallend wäre. Sie meinte u.a., dass man – im Gegensatz zu Frankreich – in Deutschland an Garderoben so gut wie nie einen anständigen Bügel fände!
Die Abbildungen der Katalogseite , wie auch die französischen Bügel aus meiner Sammlung , zeigen verschiedene Ausführungen des Konterbogens. Jedoch nur das Model, bei dem der untere Teil des Hakens auch an der unteren Seite des Bügels austritt, wird im Katalog als cintre „Bordeaux“ bezeichnet, während Rozensztroch im Bildteil seines Buches alle Ausprägungen des Konterbogens als „facon Bordeaux“ bezeichnet.
• Amerikanische Reisebügel
Die Klappbügel aus vernickeltem Draht dürften, ähnlich wie die oben erwähnten deutschen Stücke vor dem 1. Weltkrieg entstanden sein – Linda Campell weist z.B. für den linken Bügel der Abbildung auf den Katalog von 1910 der Firma Norvell-Shapleigh Hardware, St. Louis hin.
• deutsche Schneidermeisterbügel, wohl nach dem 1. Weltkrieg bis in die 1950er Jahre
In Deutschland findet man eine besondere Form des Bügels, die ich als „Typ Welle“ bezeichne und die praktisch nur bei Schneidern verwendet wurde, die ihren Kunden naturgemäß die gefertigte Kleidung auf das Vorteilhafteste präsentieren wollten. Der Anspruch von Herrn Pipers Vater, dazu den Patenthaken erfunden zu haben ist sicher falsch, wie die Ausprägungen der Jahrhundertwende nachdrücklich zeigen, doch er war wohl derjenige, der diese Form des Schneiderbügels inclusive Patenthaken in ganz Deutschland verbreitete . Ganz Deutschland? Zumindest im Süddeutschen Raum scheint er nicht so oft gewesen zu sein, da dieser Typus hier kaum auftaucht. Im bayerischen Raum ist es häufig die einfache Standardform, in Baden-Württemberg findet man meist wieder eine andere Form als typischen Schneidermeisterbügel .