07/08/2026
Ruhestätte
Zehn Jahre gingen nun ins Land,
und ich weiß heute nicht einmal,
ob dein tiefer Groll verschwand,
die Bitternis im grausig Gral.
Du hattest deinen Prinz erkoren,
eh ich das Licht der Welt erblickt’,
mit deinem Groll mein Herz geschoren
und meine Seele früh erstickt.
Du wusstest damals, wer ich war,
was sonst suchte dort die Lektüre?
Als Tochter war ich dir nie nah,
ich war wohl Graus all deiner Schwüre.
Versuchtest mich hineinzupressen
in dein Bild von deiner Welt.
Die Liebe war sehr schnell vergessen,
hattest mich so nicht bestellt.
Ein Augenaufschlag wie ein Mädchen
und immer diese Spielerei
mit andern Mädels hier im Städtchen,
die sehnsuchtsvolle Malerei.
Das Abi, gar Studentenleben,
barg dir scheinbar zu viel Gefahr.
Dann wär ich raus aus diesem Leben
und hätt so sein könn’, wie ich war.
Nicht sein zu dürfen, war dein Credo,
das du mir täglich eingeimpft.
Passte mich an, nur für dein Ego,
doch wurde bös von dir beschimpft.
Das Credo blieb ein Leben lang,
es schaffte Schmerz auf meiner Seel’.
Ich sein? Dazu war ich zu bang,
es war der Nachhall vom Befehl.
In allem, was mir gut geraten,
fiel dir was Negatives ein.
Hast mich mein Leben lang verraten,
und meine Seele war am Schrei’n.
Für deinen Prinz galt alles Gut,
selbst wenn es meinem Sein entsprang.
Trotz allem lebt’ ich mit viel Mut,
und mein Leben mir gelang.
Doch brannte tief in meinem Herzen,
mit Sehnsucht tief in meinem Hirn:
Nicht sein zu dürfen, barg die Schmerzen,
denn es stand groß mir auf der Stirn.
Dein Mutterleib formte mein Wesen,
nach außen Mann, doch innen Frau.
Da half kein Schlappen und kein Besen,
nur dass ich mich erst heute trau.
„Hast keine Mutter, keinen Bruder“,
hast du mir vor zehn Jahr’n gesagt.
Das war das Zeichen für mein Ruder,
der Punkt, an dem ich mich gewagt.
Mein Leben kam mit kleinen Schritten,
der Käfig gab mich langsam frei.
Ich hatte lang genug gelitten,
jetzt durft’ ich sein, so wie ich sei.
War viel zu lange fast zu schwer,
doch niemals ist es je zu spät.
Ich war die Frau, wurd’ immer mehr,
und weiß jetzt, dass es alles geht.
Zu gern hätt’ ich sie vorgestellt,
dir deine Tochter mal gezeigt.
Doch passte es in deine Welt?
Hätt’ sich dein Pendel noch geneigt?
Es war Respekt vor deinem Leben,
gönnte dir halt deine Ruh’.
Ich hätt’ zwar viel dafür gegeben,
nicht meine Seel’, drum macht’ ich zu.
Blick ich zurück auf all die Jahre
und auf mein Leben von Beginn,
erkannten wohl schon viel das Wahre,
den weiblich Grund in meinem Sinn.
Ich hatt’ mich für dich schick gemacht,
am Totenbett bei dir zu steh’n.
Dein Leben, es war nun vollbracht,
du konntest niemals mehr mich seh’n.
So glitt hinunter heut’ ins Grab
die Urne neben deinen Mann,
und auch ein Junge heute starb,
und mit ihm dieser teuflische Bann.
Da war auch das Gefühl von Trauer,
und zeitgleich fühlt’ ich mich befreit
von der Verpflichtung langer Dauer,
und gebe dir das letzt Geleit.
Nun ruhe dort, mein letzter Trost.
Du hatt’st ’ne Tochter dir ersehnt,
doch wie das Leben manchmal lost,
war dieses Wesen nur gelehnt.
Nun wird das Grab langsam verfüllt,
mit schwerer Last aus Stein bedeckt,
und langsam jeder Groll verhüllt
und niemals mehr ein Kind versteckt.
(C) Sabine Lange, 2026